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Alkestis :: Euripides

Staatstheater Kassel :: 08-03-08

Regie: Gustav Rueb
Bühne & Kostüme: Daniel Roskamp
Dramaturgie: Stephanie Winter

Mit
Alkestis: Agnes Mann
Admetos: Axel Holst
Apollon: Peter Elter
Thanatos: Frank Watzke
Pheres: Peter Anger
Herakles: Jochen Drechsler
Dienerin: Karin Nennemann

Presse

Göttinger Tageblatt :: 19-03-08

Ringen der Überlebenden mit Tod und Trauer

Von der Antike an die Bushaltestelle: Am Kasseler Staatstheater zeigt der junge Regisseur Gustav Rueb die Euripides-Tragödie "Alkestis" als sehr heutige Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und Trauer.
Von Joachim F. Tornau
Schon im Spaß liegt der Tod. König Admetos spielt mit seiner Familie die "Reise nach Jerusalem". Erst scheidet seine Frau Alkestis, dann er selbst, dann seine Tochter aus. Lachend und außer Atem. Nur der Sohn überlebt.
Noch ist auf der Studiobühne des Kasseler Staatstheaters im Fridericianum kein Wort gesprochen, noch hat die Euripides-Tragödie um Königin Alkestis, die sich für ihren Mann opfern und sterben wird, nicht ihren Lauf genommen. Doch bereits der scheinbar harmlose Wettlauf um weiße Stapelstühle zeigt, wohin die Reise geht: ins Jenseits. Oder weltlicher ausgedrückt: zum Verlust eines Menschen - und damit zum Ringen der Überlebenden mit Tod und Trauer.
Regisseur Gustav Rueb, Jahrgang 1975, malt ein düsteres Bild: Der Königshof ist eine Bushaltestelle aus nacktem Beton, mit braunen Schalensitzen, Neonbeleuchtung und einem Münzfernsprecher, der irgendwann klingelt, ohne dass jemand den Hörer abnimmt. Ringsum stehen kahle Birken, das Licht kommt kalt und scharf von der Seite. In diesem Wartehäuschen wartet man nicht mehr auf den Bus, das ist die Endstation (Bühne: Daniel Roskamp).
Rueb lässt sehr wohl Euripides spielen, aber kein antikes Trauerspiel. Auf rund anderthalb Stunden hat er den Text verdichtet und ihn schmerzhaft nah in die Gegenwart geholt. Die griechischen Götter haben bei ihm nichts Göttliches mehr. Wie verkrachte Existenzen streichen sie um die königliche Bushaltestelle herum, werden von der sterbenden Alkestis (als verzweifelte Furie: Agnes Mann) sogar verscheucht wie herumstromernde Hunde. Apollon ist ein dandyhafter Zyniker (Peter Elter), und der heldische Herakles, der die Königin schließlich dem Tod doch noch entreißen wird, wurde wohl selten so unheldisch gezeigt: Jochen Drechsler trägt Badeschlappen, Bart und Bierkiste. Ein Halbgott mit Zottelmähne und ohne festen Wohnsitz.
Im Mittelpunkt aber steht Axel Holst, der in der Rolle des Admetos wieder einmal seine herausragende Klasse im Ensemble des Kasseler Staatstheaters beweist. Eigentlich ist der König nur ein unscheinbarer Anzugträger. Doch wie er mit dem Verlust seiner Gattin kämpft, wie ihn der Schmerz verwandelt, ist mehr als schauspielerisch sehenswert. Admetos will das Sterben nicht akzeptieren. Er sucht nach Verantwortlichen, denen er die Schuld geben kann. Und seine Umwelt wirft ihm vor, gegen die gesellschaftlichen Konventionen des Trauerns zu verstoßen.
In der Figur des Admetos kristallisiert sich, um was es Gustav Rueb bei der Inszenierung geht: Seine Kasseler "Alkestis" ist eine hellwache Studie über unsere Unfähigkeit, mit dem Tod umzugehen. Nicht nur vor 2500 Jahren, als Euripides seine Tragödie verfasste, sondern auch heute.

HNA :: 10-03-08

Das Leben ist ein Wartehäuschen
Gustav Rueb inszeniert am Staatstheater Euripides' "Alkestis" als Studie über Liebe und Sterben
Von Bettina Fraschke
KASSEL. Sei fröhlich. Nutze den Tag. Wer weiß, was morgen kommt. Nicht ein strahlender Kriegsheld, sondern ein struppiger Penner, der ein paar Bier zu viel intus hat, belehrt uns mit derartigen Weisheiten. Der Halbgott Herakles (Jochen Drechsler) trägt Parka, Schlappen und eine verfilzte Matte auf dem Kopf, als habe er in der Gosse geschlafen. Dass so einer so reden muss, ist klar: Schließlich könnte er sich schon morgen totgesoffen haben. Gerade deshalb packt uns der abgenutzte Spruch auf einmal ganz direkt.
Gustav Rueb inszeniert Euripides' "Alkestis" für das Staatstheater Kassel auf der Bühne des tif in 90 Minuten mit großer analytischer Kraft und überraschenden Bildern. Wüst und leer ist hier das Leben, entweder vom waagerecht einfallenden Licht grell erhellt oder in Dunkelheit getaucht. Schwarze Pfützen und schäbige Monoblockstühle zwischen nackten Birkenstämmen. Ein Wartehäuschen aus Waschbetonplatten. Die verschmutzten Scheiben sind nicht mehr vollständig (Ausstattung: Daniel Roskamp).
Das Leben der Menschen spielt sich auf der Wartebank ab. Dort ruhen die Eheleute Alkestis und Admetos mit ihren Kindern, wenn sie genug gespielt haben, dort kauert das Paar, das sich zärtlich geneckt hat. Doch die Wärme von Liebe und Miteinander kühlt schnell ab. Bald wird das Dasein grau und trostlos: Hinter der Scheibe stirbt Alkestis. Zusammengesunken in der Ecke. Sichtbar, und doch unerreichbar.
Alkestis (Agnes Mann) hat ihr Leben bis zuletzt trotzig und wie in großen Schlucken geschlürft. Liebend opfert sie sich freiwillig für ihren Mann Admetos (Axel Holst), der sich dem eigenen Sterben nicht gewachsen fühlt. Doch Leben gelingt ihm nun auch nicht mehr. "Könnte ich doch sterben", klagt er nach ihrem Tod. Als wäre sein Verstand blitzartig von dem grellen Bühnenlicht erhellt worden, versteht er, dass es Wärme für ihn nicht mehr geben wird. So sickert aus Axel Holsts Admetos alle Kraft heraus. Er sinkt zusammen, scheint von Innen heraus grau zu werden.
Die Götter durchmessen den Raum, wandeln zwischen den Birken. Ausrichten können sie nicht viel. Auf das Schicksal der Menschen nehmen sie keinen Einfluss mehr, ihre Leuchtkraft beschränkt sich auf ein paar Teelichter. Nur Jochen Drechslers Herakles hat sich im wüsten Exzess eine Nische der Freiheit bewahrt. Als er die Trauer des Admetos nicht mehr ertragen kann und Alkestis aus der Totenwelt zurückholt, dunkelt das kalte Licht herunter. Wie Gespenster sitzen die früheren Eheleute schließlich da. Noch nicht dort, nicht mehr hier. Von diesem Wartehäuschen können sie nie mehr abgeholt werden. Langer Applaus, Füßetrampeln.