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Faust 2 :: J. W. Goethe

Landestheater Tübingen LTT :: 26-09-08

Regie: Gustav Rueb
Bühne und Kostüme: Tilo Steffens
Musik: Katrin Vellrath
Video: Pia Greschner
Dramaturgie: Anna Haas

Mit
Gunnar Kolb: Faust
Edit Faludi: Gretchen
Ina Fritsche: Helena u a
Katja Gaudard: Phorkyas u a
Hildegard Maier: Baucis u a
Hubert Harzer: Kaiser u a
Udo Rau: Mephisto u a
Karlheinz Schmitt: Mephisto u a
Johannes Schön: Lynkeus u a
Martin Schultz-Coulon: Euphorion u a

Presse

Gmündener Tagespost :: 21-03-09

Spielball der Geister, die er rief
Dieser "Faust II" von Gustav Rueb ist so brüchig wie die Zeit. Deshalb kommt ihr diese Inszenierung sehr nahe. Wie der Regisseur dem als nahezu unspielbar geltenden Goethe-Stück zusammen mit einem vorzüglichen Ensemble und einem - hier sei's gesagt - kongenialen Bühnenbildner in einem konsequenten dramatischen Aufbau schlüssige Szenen abgerungen hat, verdient großen Respekt. Diesen hat auch das Publikum im licht besetzten Gmünder "Stadtgarten" dem LTT-Team mit seinem Beifall erwiesen.

Schön klingt das, anrührend, wie das Gretchen am Ende nach Bach'schen Noten den toten Faust besingt - um dann diesen rätselvollen Schlusssatz in den dunklen Saal zu hauchen: "Das Ewigweibliche zieht uns hinan." Schwingt da Grund zur Hoffnung mit? Tatsächlich ist der Vorhang schon lange gefallen; die Mephistos dieser Welt haben ihr Werk bereits vollbracht. Der Landgewinn ist in trockenen Tüchern, und der Weltenbezwinger Doktor Faust gleich im Sarg. Er kann zu Erde werden. Als er zum Augenblicke sagte, er möge doch verweilen, hatte er schon verspielt, alles.

Heuschreckenkumpel

Edit Faludis glockenreine Singstimme macht die Schwärze dieser Inszenierung erst richtig spürbar. Der visionäre Globalplayer mit dem Hang zu schönen Frauen wird von den eigenen Heuschreckenkumpeln gefressen. Auf zwei Monitoren verschwinden die Bilder einer heilen Landschaft - Bildstörung.
In Gunnar Kolbs massigem Leib scheint der kühne Schöpfergeist schon zusammengebrochen, als er sich mit Mephisto auf die Reise durch die Geschichte und Mythen aufmacht. Tanzen lassen will er die Puppen; doch unter der Oberfläche von Jux und Tollerei brütet der Ekel. Vor wem, vor was? Er meint zu bestimmen und wird doch zunehmend zum Spielball der Geister, die er rief - zu seinem eigenen Zauberlehrling.
Für die ersten drei Akte hat Tilo Steffens eine Art gigantischen Rechner gebaut, der mit seinen Durchlässen und Fenstern auch als Palast taugen mag. Eine Versuchsanordnung mit einem mobilen Bühnenteil als Mittelpunkt, in der man sowohl der herrschenden Nomenklatura via Camcorder auf den Zahn fühlen kann und dem Kaiser geben, was der Kaiser will, als auch ein Retortenbaby generieren, den Homunculus. Katja Gaudard erfüllt dieses Kunstwesen, das aus der Maschine in die Welt plumpst, mit mörderischer Energie.

Wahn und Verwirrung

Die Geister, die ich rief - diese aktuelle Warnung zieht sich wie ein roter Faden durch die Inszenierung. Wahn und Verwirrung, Zerrbilder und Phantasmagorien - hier wird optisch an nichts gespart.
Die Schauspieler schlüpfen in diverse Rollen und müssen sich noch schneller umziehen als Models für den Catwalk. Außer Gunnar Kolb bewähren sich in unterschiedlichsten Rollen Udo Rau, Martin Schultz-Coulon, Katja Gaudard, Karlheinz Schmitt, Ina Fritsche, Hubert Harzer, Hildegard Maier, Johannes Schön und Edit Faludi.
Nach der Pause schlägt auf der fast leer geräumten Bühne die Stunde der Wahrheit. Nur das alte Paar (Philemon und Baucis) darf noch etwas Farbe und Freude zeigen, bevor es sich, weil dem Landprojekt im Wege, in Rauch auflöst.
Ansonsten bestimmen die teuflischen Herrschaften in ihren weißen Dandyklamotten das Geschehen, während der dunkel gewandete Faust im Angesicht der Tragödie nur noch greint, nachdem ihn die Sorge, die Not und die Schuld in die Mangel genommen haben.
Da konzentriert sich die Inszenierung zum virtuos choreografierten Kammerton, kehrt in dieses Sprechtheater eine Poesie des Grauens ein als Kontrapunkt zum actionreichen Szenenkarussell zuvor. Die beschleunigte Welt des Höher, Schneller, Weiter, Reicher konterkariert Gustav Rueb, indem er sie entschleunigt. Das ist so wirkungsvoll wie Gretchens Schlussgesang. Die Wahrheit wird offenbar. Kann man mehr verlangen?

Wolfgang Nussbaumer, Gmünder Tagespost, 21. März 2009

Rems-Zeitung :: 21-03-09


Ein großer Projektemacher wrackt ab
Ein reduzierter, aber bildmächtiger "Faust II"

Wer versucht, dieses Textgebirge zu bewältigen, muss damit rechnen, dass er nicht weit kommt oder gleich abstürzt. Die Warnschilder hat die Goethe-Philologie schon im 19. Jahrhundert, bald nach dem Tod des Dichters eingepflockt.
Goethes "Faust II" galt lange als kaum spielbares, überlanges und verrätseltes Spätwerk. Friedrich Theodor Vischer, der Tübinger Ästhetiker, schickte einen parodistischen "Faust III" hinterher, verfasst von einem "Deutobold Allegoriowitsch Symbolzetti Mystifizimsky". Das Pseudonym fasst schon die meisten Vorwürfe ans Stück zusammen - vor allem gebe es darin keine lebensvollen Gestalten, sondern nur Begriffe, um die ein paar allegorische Lappen geschlagen seien, blutleere Begriffsdichtung.
Doch es gibt Abkürzungen, und auf eine davon begibt sich das Landestheater Tübingen mit Gustav Ruebs Inszenierung, die am Donnerstag im Stadtgarten aufgeführt wurde. Sie verkennt die allegorische Grundstruktur nicht, sondern versucht, ihr mit einer eigenen Bildmächtigkeit Herr zu werden. So und mit gewaltigen Kürzungen gelangt sie einigermaßen zu Stringenz. Von einer fortlaufenden Handlung des Stücks zu sprechen, ist nicht möglich; es handelt sich um szenische Episoden, die, je länger desto mehr sich in ihrem Horizont weiten. Doch klar ist, dass Rueb sich an ein Faust-Verständnis hält, das von der Ökonomie ausgeht - nicht neu, sondern seit Claus Peymanns legendärer Stuttgarter "Faust II"-Inszenierung vor gut dreißig Jahren eingeführt.
Ruebs "Faust II" spielt eine Zivilisationstragödie vor, den Weg einer Gesellschaft und eines Wirtschaftens, die in rotierender Bewegung die Welt verzehren und sich im rasenden Bildwechsel erschöpfen: In der Bewegung der Moderne darf es kein Verweilen geben, sonst droht der finale Systemabsturz.
Dabei beginnt die Aufführung eher gemächlich in einem Bühnenbild aus Monitoren und übergroßen Platinen, Faust hängt im Sessel, noch ermattet von seiner Flucht; Putzfrauen stecken die Reste von der Tragödie erstem Teil in Säcke, ein totes Gretchen liegt auf dem Boden. Sie kehrt im Verlauf der fünf Akte wieder als fragile, betörend singende Erinnerung, sie verdeutlicht den Preis, den Faust zahlt.
Wem kämen im ersten Akt bei der Erfindung des Papiergeldes nicht die Usancen der Finanzbranche in den Sinn? Damit's jeder versteht, drückt man dem Kaiser noch den Band "Börse für Dummies" in die Hand, nachdem er sich als großer Pan verausgabt hat. Die Reise in die "große Welt" geht weiter, Faust ist ein Projektemacher, der sich zunehmend verzettelt. Der Homunculus, eine Mischung aus Nachtmahr, Astronaut und Alien, holt ihn aus dem Koma, in das er in der klassischen Walpurgisnacht fällt; mit Helena, der schönsten Frau des Altertums, läuft es gründlich schief, Antike und Moderne passen eben nicht zusammen, Sohn Euphorion sitzt als Riesenbaby im Einkaufswagen. Weniger revuehaft die beiden letzten Akte: Fausts Landgewinnungsprojekt endet mit der Ermordung der braven Alten Philemon und Baucis, er versackt vollends im Sessel, ein Titan und Tycoon am Ende seiner Kraft, den Sorge, Mangel, Not und Schuld heimsuchen. Gunnar Kolb spielt Faust mit frappierendem Furor - er muss es mit vier Mephistos aufnehmen, von denen der glatte Udo Rau und die abgründige Katja Gaudard am eindringlichsten wirken. Kein Chorus mysticus am Schluss, nur Gebrabbel. Und der wundersame, so ergreifende Sopran der Gretchen-Gestalt (Edit Faludi) über Fausts Leiche, eine Bach-Kantate: "Schlummert ein, ihr matten Augen." - Die dreihundert Zuschauer applaudierten lang.

Reinhard Wagenblast, Rems-Zeitung, 21. März 2009

Die Südostschweiz :: 03-11-08

Das Wesentliche von Faust herausgeschält
Von Fridolin Jakober
Glarus. - Das Landestheater Tübingen spielte am Freitag in der Kanti-
Aula einen spannenden Faust II, der gut besucht war und erstaunlich gut
aufgenommen wurde.
«Du gehst in die dritte oder vierte Vorstellung und siehst, was das für ein
Schrott ist.» Das sagte Regisseur Peter Stein fünf Jahre später über seine
eigene gigantische Aufführung dieses übergrossen Dramas auf der Expo
2000 in Hannover - 15 Stunden Spielzeit, 18 Schauplätze und 33 Schauspieler.
Faust II ist der Schrott einer genial angedachten Goethe´schen Fantasiemaschine,
die den immer weiter getriebenen Faust auf Bergeshöhen und
weit darüber hinaus bis in den Himmel trägt. Und so ist es heute - im Zeitalter
der Stahlknappheit - nur natürlich, dass gute Regisseure und Dramaturgen
diesen «Schrott» verwerten.
Der Teufel als einziger Freund
Das mag eingefleischte Rudolf-Steinerianer und die bürgerliche Grossschriftstellerkultur
des 19. Jahrhunderts etwas enttäuschen. Für alle anderen
- und zu ihnen gehört die Truppe des Landestheaters offenbar - beginnt
hier der Spass. Ein Text - noch dazu von Goethe -,
der sich mit unseren modernen Problemen, mit Geldmarkt, mit Gentechnik,
mit den neuen Medien auseinandersetzt. Ein Drama, das den Teufel
nicht mehr an dieWand malt, sondern ihn, wie eine Hydra, vervielfältigt.
Eine Aufführung, wo ein blinder und besoffener Faust mit den Worten
«Verweile doch» sein Leben als Macher aushaucht. Ein Wirtschaftstycoon,
der hier stirbt, ein gescheiterter Ingenieur, ein geprellter Casanova.
All das und mehr war Gunnar Kolb, der über drei Stunden mit einer heissen
Kartoffel im Mund sprach. Dieser wahrhaft Grosse, der von seiner Umwelt
dekomponiert wird. Der ins Koma fällt und vom Homunculus - einer
meisterhaften Katja Gaudard - wiederbelebt wird. Der an der 1-Kind-Familie
mit der Schönen Helena geradezu gigantisch scheitert. Der nur den
Teufel - Udo Rau, Martin Schultz-Coullon, Katja Gaudard und Karlheinz
Schmitt - als Freund behält und zuletzt mit Sorge (Katja Gaudard),
Mangel (Hildegard Maier), Schuld (Edit Faludi) und Not (Ina Fritsche)
einen Totentanz aufführt.
Das war ergreifend
Tatsächlich war das Geniale an der Inszenierung des jungen Gustav Rueb,
dass er das Wesentliche von Faust II herausschält und so den alternden
Geheimrat vor seiner eigenen, zwar schönen, aber dramaturgisch leider
längst verblichenen Knittelsprache in Schutz nimmt. In den drei Stunden
konnten die Besuchenden den gedanklichen Bogen nachvollziehen,
den das Genie Goethe über sein Opus magnum gespannt hat. Und er hörte
einige Arien - vor allem von Bach. Gretchen (Edit Faludi a cappella als
Sopran) sang der toten Faustschen Seele «Schlummert ein, ihr matten
Augen, Fallet sanft und selig zu!Welt, ich bleibe nicht mehr hier, Hab´ ich
doch kein Teil an dir, Das der Seele könnte taugen.» Nicht als einem weisen
und tiefgläubigen Simeon, sondern als einem, der bis zur letzten Sekunde
gekämpft hat und gescheitert ist.
Das war ergreifend.

Bietigheimer Zeitung :: 25-10-08

(...)Die Tübinger haben eine glanzvolle Schauspielerleistung vollbracht, sind dem "Faust II" unter der Regie von Gustav Rueb durchaus mit zeitgenössischem Verständnis zu Leibe gerückt, ohne ihn im gleichen Zuge zu zerstören.
Eine Deklamierkunst vom gesamten Ensemble, allen voran Udo Raus Mephisto, aber durch die Bank: Rundum verständlich und fesselnd von ihrer Patina befreite Rhythmen und Verse prallen von der Elektro-Platinen-Kulisse ab und treffen ins Schwarze. Gunnar Kolbs Faust - übrigens die einzige Solorolle; lediglich neun Darsteller teilen sich die übrigen knapp vierzig Rollen - gibt seinen wuchtigen Satanspaktler als pfälzischer Helmut-Kohl-Verschnitt.
Die ungarische Sopranistin Edit Faludi spannt den verlorenen Gretchenfaden in Erscheinungsarien eindrucksvoll weiter, schafft himmlische Stimmungen. Und der Teufel steckt nicht nur im Detail, sondern er wechselt durch vier Schauspieler, darunter Katja Gaudards beeindruckend fiese Variante eines weiblichen Satans.
[...]

Reutlinger Nachrichten :: 29-09-08

Im Rausch der Medien
LTT startet mit Goethes "Faust II" in die neue Spielzeit

Faust als Global Player in einer beschleunigten Medienweit: Gustav Ruebs Inszenierung von "Faust II" bot ein schroffes Nebeneinander von Zeichen, Stilen und Medien, was beim Publikum nur zum Teil ankam.
Am Anfang ist die Spannung groß. Was wird Regisseur Gustav Rueb wohl aus dem zweiten Teil dieses komplizierten Mammutwerks machen? Aus einem Werk, mit dem Johann Wolfgang von Goethe ein Dichterleben lang gekämpft hat? Mehr als ein "gut gewollt" kann doch da nicht herauskommen.
Anfangs scheinen sich diese Bedenken auch zu bestätigen. Putzwedelnder Aktionismus bestimmt die Szenerie, bevor Faust (Gunnar Kolb) mit schwarzem Käppi, Anzug und wallendem Silberhaar sowie der barfüßige Mephisto laut lamentierend die Bühne betreten. Der kahlköpfige Teufel verspricht dem Zaudernden, "was noch kein Mensch gesehen", und schon beginnt eine rasante Odyssee durch Zeit und Raum, eine mediale Reise durch multiple Welten. Das Bühnenbild (Tilo Steffens) gleicht einer Art moderner Medienhöhle. Im Hintergrund stehen Leinwände in Form riesiger Computer-Festplatten, mit einer Live-Cam werden Szenen auf mehrere TV-Geräte (Video: Pia Greschner) projiziert.
Flugs verschlägt es die beiden Genusssüchtigen an einen mittelalterlichen Kaiserhof. Erotisch-dampfende Walpurgisnacht-Stimmung und haltlose Gier machen sich breit. Dekadenz dominiert. Während der Gott des Reichtums mit dem eben erfundenen Papiergeld um sich wirft, verwandelt sich das lechzende Fußvolk in blökende Schafe.
Das ist genau nach dem Geschmack von Mephisto (Udo Rau). Mal spielt er sich als phallusschwingender Sexprotz auf, mal als jovialer Kumpel, dann wieder zeigt er unverblümt die Fratze des Bösen. Dagegen muss Faust-Darsteller Kolb fast schon' blass erscheinen. Trotzdem feiert er - noch ganz Global-Player - kräftig mit.
Nächste Station: die antike Welt der Mythen. Auch hier hat der Fortschritt bereits Einzug gehalten. Eine anzügliche Verführungsszene läuft auf einer Videoleinwand. Eine Provokation für den Gelehrten. Mit wütenden Flüchen zerstört er das Medium. Eine Slapstickszene folgt auf die andere. Schließlich liegt Faust erschöpft auf einem Podest, während der gerade erschaffene Homunculus (Katja Gaudard) Turnübungen vollführt und sich von seiner rot blinkenden Nabelschnur zu befreien sucht. Im Hintergrund vergnügen sich zwei Emanzen beim Liebesspiel. All das spielt sich in einer atemlos torkelnden Bilderabfolge ab. Ständig wuseln Ensemblemitglieder über die Bühne, mal frontal, mal zueinander sprechend.

Verzwacktes Spiel mit ständigen Verwandlungen

Der Übergang von einer Zeitebene in die nächste wird stets vom toten Gretchen (Edit Faludi) eingeleitet, die als Erinnerungshauch der Transzendenz Arien singend über die Bühne geistert. Ein schöner Regieeinfall ist das, auch, weil es die verwirrenden Szenenabfolgen voneinander abgrenzt.
Die acht Darsteller neben Faust und Gretchen, die hier mit kolossalern Geschick und viel Lust am Spiel ein Riesenensemble vortäuschen, verwandeln sich ständig in andere Charaktere. Auch Artistik wird groß geschrieben in dieser Aufführung! Ganz gleich, ob sich Kreaturen winden, ob die Trinkorgie am Kaiserhof zum Abstecher in die Määnzer Fassenacht ausartet oder ob Helenas (Ina Fritsche) Beziehungschaos zum Event gerät.
Fortwährende Action und Tempo sind angesagt. Faust drängt mit Mephisto an seiner Seite immer vorwärts, bis er am Ende an sich selbst verzweifelt - und sich zu Tode amüsiert. Gunnar Kolb bietet Theater pur. Es ist ein verzwacktes Spiel der ständigen Verwandlungen, Verkleidungen und Verstellungen. Ein rasanter Parforceritt durch die verschiedenen Zeitepochen, Geschlechter und Typen.
Die Inszenierung experimentiert zugleich mit der Phantasie, lotet ihre Möglichkeiten aus. Vor allem Mephisto (Udo Rau) und die mehrere Rollen spielenden Martin Schultz-Coulon (Euphorion) und Katja Gaudard ziehen alle Register ihrer Schauspielkunst. Sie charmieren oder sind hysterisch, sind lieblich oder tumb und bewahren dabei immer eine Spur Fanatismus.
Auch wenn der große Theaterabend am Ende nicht gelingt, beeindruckt die Tübinger Inszenierung durch ihre unbändige Lust am Spiel und die souveräne Beherrschung aller Facetten, die das Theater zu bieten hat.

Stuttgarter Nachrichten :: 29-09-08


Verse als Fremdkörper

Null und eins, Bits und Bites. Die Bühne eine Festplatte, die Welt ein einziger binärer Code. Regisseur Gustav Rueb beamt mit Hilfe des Ausstatters Tilo Steffens "Faust II" von Johann W. Goethe, mit dem das Landestheater Tübingen letzten Freitag seine Saison eröffnet hat, in ein Medienzeitalter des Virtualitäts- und Zeitrausches.

VON VERA TEICHMANN

Faust wird zu einem Global Player des Fortschritts im glänzenden braunen Anzug und strähniger Langhaarperücke, die Vereinigung mit Helena zum "Projekt Kleinfamilie" und ihr gemeinsamer Sohn Euphorion zum blind eifernden Karrieristen.

Goethe sah dies einst als Synthese von der romantischen Erlebniskraft des Nordens (Faust) und dem Formsinn der griechischen Klassik (Helena), die im gemeinsamen Sohn Euphorion gipfelt, dem Genius der Poesie. Letztlich eine Vereinigung von gegensätzlichen Lebens- und Kunsttendenzen. Die Gegensätze von Gunnar Kolb als Faust und Ina Fritsche als Helena sind da nicht mehr so klar. Vieles in der Inszenierung bei Rueb wirkt zwar bemüht, bleibt aber verschwommen.

Vor allem die Figur Faust selbst. Gunnar Kolb sondert schon die Verse oft wie seltsame Sprachfremdkörper von sich ab, so dass bei einem seiner folgenden kritischen Blicke mit hochgezogener Augenbraue der Eindruck entsteht, er könne es selbst gar nicht (er)fassen, was er da eben von sich gegeben hat. Dieser Faust ist von Anfang an seltsam distanziert und agiert eher wie eine Randfigur. Natürlich ist Mephisto die treibende Kraft, das Böse, das verführen will, und strotzt hier nicht nur vor Aktionismus und zieht fleißig die oft auf dem Boden herumliegenden Personen hin und her und weg. Doch ist es Faust, der sagt: "Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit, / Ins Rollen der Begebenheit!" Auch hier will er noch immer höher hinaus. Doch der Tübinger Faust will irgendwie so gar nichts.

Gretchen hingegen will Faust erlösen und tut es am Schluss auch. Die Sopranistin Edit Faludi, die den gesamten Abend bereits als Lichtgestalt mit ihrem klaren Gesang über die Bühne geschwebt ist, kniet bei Faust und zieht ihn fast zärtlich und engelsgleich als das "Ewigweibliche" hinan. Das Licht am Ende des Regietunnels.

Reutlinger General-Anzeiger :: 29-09-08

Der Teufel steckt im Großrechner

Als unspielbar wird Goethes »Faust II« oft beschrieben. In der »Tragödie zweiter Teil« prasseln viele Themen, Bilder und Handlungsstränge aufeinander, die Sprache ist wechselhaft in Form und Stil, teilweise bedeutungsschwer überfrachtet. Die verwirrende Vielfalt schreckt die meisten Bühnen ab, nicht so das LTT.
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Die Handlung in der ersten Hälfte spielt sich im Innenleben eines Großrechners ab, der auch den kleinen Homunculus zur Welt bringt. Zwei Fernseher, auf deren Bildschirmen Videosequenzen flimmern, stehen verloren auf der Bühne herum. Und mit einem Beamer wird der globale Geldfluss wie bei einem Manager-Seminar an die Wand projiziert.
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Die eindrucksvollsten Bilder entstehen in der zweiten Hälfte der Inszenierung. Und dafür ist kein großes Bühnenbild mehr nötig. Alles ist abgeräumt, der Großrechner wurde entsorgt, jetzt konzentriert sich alles auf die schwarze Leere auf der Bühne. Den Freiraum nutzen die Schauspieler weidlich aus und bringen deutlich mehr Kraft ins Spiel.

Auch die Schlussszene passt in dieses Bild. Der weiße Teufelsvorhang fällt und Faust kriecht siechend dahin, die berühmten Worte nuschelnd: »Zum Augenblicke dürft' ich sagen, verweile doch, du bist so schön!« Um ihn herum stehen Mephisto und seine satanischen Gehilfen und warten auf die Faust'sche Seele.

Doch da taucht Gretchen auf, die vollkommene Liebe, die wahre Gegenspielerin Mephistos, und sorgt für einen neuen Schluss. Für dieses Gretchen, das in dieser Form im Originaltext gar nicht vorkommt, hat das LTT die ungarische Sopranistin Edit Faludi engagiert. Sie steht für die anmutigsten Szenen in dieser Inszenierung. Mit ihrer glockenreinen Gesangsstimme zaubert sie immer wieder zwischen das wilde Spiel Augenblicke der Besinnung, die für einen kurzen Moment die Reinheit der wahren Liebe in den Mittelpunkt stellen.

Sehr gut passt auch Udo Rau in die Mephisto-Rolle. Er wirkt kühl und berechnend. Mit schneidender Stimme spielt er einen modernen Teufel, der problemlos und global über Leichen geht.
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Schwäbisches Tagblatt :: 29-09-08

Schlummert ein, ihr matten Augen
Gretchens greatest Bach-Hits

[...] Im LTT brummelt, nölt und nuschelt sich die Hauptperson Faust missmutig durch ein Stück, das für ihn bekanntlich schlimm ausgeht. Kummerspeck hat er angesetzt, wirkt etwas magenleidend: Den Schock der geplatzten Gefangenenbefreiung am Schluss von "Faust I" verdaut er nun erst einmal dösend in einer Kernkraftwerk-Leitzentrale, die dem Inneren einer Festplatte ähnelt (Bühne: Tilo Steffens) und in der noch ausgiebig geschrubbt wird. Reinigungskräfte feudeln dabei wacker ums hingestreckte Gretchen und um andere Gestrandete herum.

In der Rückblende ("Die Wette biet ich!" "Topp!") zeigt sich Faust gegenüber Mephisto, dem wackeren Gegenpart, eher unwirsch. Längst ahnt er, dass der teuflische Begleiter nun zum Spießgesellen geworden ist; durch dick und dünn und doof, auf Gedeih und (vor allem) Verderb.

Zwei faustdicke Überraschungen hält Ruebs Inszenierung, die sich ansonsten vom Satyrspiel mühsam zur bitter eingetrübten Farce emporstemmt, immerhin doch bereit. Zum einen kriegen es Faust und die anderen mit der Übermacht von gleich vier Mephistos zu tun, die ihr Unwesen erst wechselbalgend und danach als terrorisierende Viererbande (im blütenreinen Clockwork-Orange-Outfit) treiben. Zum anderen geistert eine bezopfte Wiedergängerin durch die Szenerie: Gretchen ist tot und lässt schön grüßen.

Wie von Zeitnehmer Christoph Marthaler erfunden, stimmt Gretchen gelegentlich Zitate aus zwei Bach-Kantaten an (wen's interessiert: Nummer 82 und 199): Die Sängerin Edit Faludi hat mit Rueb neulich auf den Zürcher Bachtagen das opernähnlichste aller Werke des Thomaskantors aufgeführt, und auch hier macht sie ihre Sache gut. Und behält, anstelle des chorus mysticus, als Ewig-Weibliches am Schluss das letzte Wort.

Bis dahin aber ist es ein weiter, dreistündiger Weg. Mephisto Numero Eins entfacht in Udo Raus smarter, glatter, verbindlicher Art einen Finanzcrash am Kaiserhof, wo nebenbei das Geldpapier erfunden wird: New Economy, die der Weimarer Geheimrat prophetisch vorhersieht und gleichfalls wie eine Blase platzen lässt. Hier hätte die Vision einer aufgepumpten, auf Pump lebenden Finanzwirtschaft besser wiedergegeben werden können.

"Fiat money - es werde Geld!"

Ein paar stärkere Bildzitate, immerhin: Etwa wenn die Schauspielerin Katja Gaudard als Homunculus wie der berühmte Füssli-"Nachtmahr", wie ein Astronaut und Alien, auf Fausts Körper kauert. Katja Gaudard ist dazu die unheimlichste Mephisto-Abspaltung unter den vier Glacéhandschuh-Gladiatoren.
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