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Die Bakchen :: Euripides

Staaatstheater Kassel :: 27-03-09

Regie: Gustav Rueb
Bühne: Daniel Roskamp
Kostüme: Ulrike Obermüller
Dramaturgie: Michael Volk


Preise für die "Beste Inszenierung" bei den Hessischen Theatertagen 09 für Gustav Rueb
und die "Beste Schauspielerin" für Anke Stedingk (Agaue)


Mit:
Dionysos: Enrique Keil
Pentheus: Daniel Scholz
Die Bakchen: Marie-Claire Ludwig, Agnes Mann, Frank Richartz
Kadmos: Jürgen Wink
Teiresias: Uwe Rohbeck
Agaue: Anke Stedingk
Erster Bote: Aljoscha Langel
Zweiter Bote: Uwe Steinbruch

Presse

Kulturmagazin :: 01-05-09

Theaterrausch
von Bettina Damaris Lange

Die Bühne schweigt. Es ist ein Schweigen, so süß und angenehm, dass es auch ein Genuss wäre, das komplette Stück als Schweigestück zu erleben. Die Atmosphäre ist zum Schneiden dicht, das Bühnenschweigen spricht Bände. Die Bewegungen sind vorsichtig, fast unauffällig und doch scheint es, als würde jeder Schritt, jeder Griff die Welt aus ihren Angeln heben. Auch wenn es „nur“ die Mänaden (Frank Richartz, Agnes Mann, Marie-Claire Ludwig) sind, die die Bühne mit ihrer angenehmen Stille bevölkern, so steckt in ihrer schlichten und dezenten Anmut bereits jene Göttlichkeit, die der Thebenherrscher Pentheus (Daniel Scholz) ihrem Anführer Dionysos (Enrique Keil) um nichts in der Welt zugestehen will. Stunden könnte man in der Beobachtung dieser Stille verweilen. Regisseur Gustav Rueb läßt seine Protagonisten ganze Wasserfälle erzählen, ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen.

In Ewigkeit gemeißelt
Worte sind hier auch nicht wichtig. Als der blinde Seher Teiresias (Uwe Rohbeck) als erster das stimmgewaltige Schweigen mit einem krächzenden „Kadmos" bricht, könnte er auch jeden anderen Ton von sich geben. Es ist egal, denn das Geschehen auf der Bühne steht für sich, als wäre es in die Ewigkeit gemeißelt. Frauen, so zeitlos und leer, gleichermaßen gesättigt vom Leben und doch in der Erwartung dessen verharrend, was da geschehen wird. Das Leben fließt. Ein weißer Körper kauert in einer Ecke. Nackt, bleich und fahl. Ein Halbgott erwacht zum Leben und reißt die Anwesenden aus ihrer tätigen Fülle an Lethargie. (...)
Rausch an Poesie
Doch es gibt auch noch ein anderes Prinzip, das diese Theaterbühne regiert. Die Vernunft in der Person des Pentheus sieht es als seine Aufgabe an, das dionysische Treiben in die Schranken zu weisen. Der mächtige Halbgott landet im Kerker und wird für Regisseur Gustav Rueb und Bühnenbildner Daniel Roskamp zum Anlass eines Rausches an Poesie, wie sie überhaupt die gesamte Inszenierung durchzieht. Wie durch ein Fenster erblickt man den Kämpfer für Wonne und Lust im hinteren Teil der Bühne. Regen prasselt auf den um Hilfe rufenden Gefangenen wie ein sanfter Liebesrausch. Dionysos befindet sich in einer schwierigen Lage, doch keine Lage ist hier schwierig genug, um nicht auch eine sinnliche Seite zu haben. Dionysos kommt frei, doch Pentheus gibt nicht auf. In Frauenkleidern mischt er sich unter die Bakchen, um schon bald von seiner eigenen Mutter Agaue (Anke Stedingk) zerfleischt und in tausend Stücke gerissen zu werden. Liebesakt oder Tötungsdelikt? Die Übergänge sind hier fließend, Lust und Schmerz feiern ihre Vereinigung in einem der berührendsten Momente des ganzen Stückes. Zu der sehnsüchtigen Singstimme eines verliebten Italieners schmettern die Mänaden ihre Todesschreie in einem Sprechchor, der bis auf die letzte Millisekunde stimmt, bis das „Tier“ erlegt ist. Sich in ihrer eigenen Wonne suhlend, kosten sie jede Sekunde dieser Lebenssequenz. Was danach folgt, ist Freudentaumel, der jedoch, wie jeder Rausch, nur eine begrenzte Zeit genossen werden kann. Am Ende herrscht wieder Leere, diesmal eine bedrückende Leere. Bis zur nächsten Party.

Punktgenau
Gustav Rueb ist eine Inszenierung gelungen, deren Atmosphäre die tiefste Faser des entlegensten Theatersessels im Saal erreicht. Seine Bühnencharaktere sind Persönlichkeiten, die mit Würde zu ihrem Schicksal stehen. In dieser Inszenierung stimmt einfach alles. Es ist eine Komposition aus punktgenauen Chören, sparsamer, aber perfekt gewählter Musik, poetischen Bühnenbildern, die wie Filmsequenzen wirken, präsenten Schauspielern (in weiteren Rollen: Aljoscha Langel, Jürgen Wink, Uwe Steinbruch) und wirkungsvollen Kostümen (Ulrike Obermüller). Zu dem handwerklich perfekt arrangierten Bühnenspiel gesellt sich noch etwas, was mit Worten einfach nicht mehr zu beschreiben ist: Das Stück ist in einen Zauber gehüllt, der einen tief ins Herz trifft. Man erlebt es nicht alle Tage, dass eine Theaterinszenierung einen solchen Zauber versprüht. Gustav Rueb muss ein begnadeter Regisseur sein. Allen Beteiligten gilt Hochachtung für eine künstlerisch
extrem niveauvolle Theaterleistung!

Frankfurter Rundschau :: 03-04-09

Alle Macht den Drogen
von Joachim F. Tortnau

Der letzte Rausch ist gerade vorbei. Im Hinterzimmer der Kneipe mit ihren blinden Spiegeln, holzvertäfelten Wänden und gekachelten Säulen hängen noch einige Girlanden, bedecken zerplatzte Luftballons den Boden. The party is over. Die Frauen aber, die stumm durch den schäbigen Saal stöckeln, sind weniger verkatert als gelangweilt. Als erwacht, was bis dahin zusammengerollt in einer Ecke gelegen hat, ein nacktes, am ganzen Körper weiß geschminktes, wie außerirdisch wirkendes Riesenbaby, nähren sie es buchstäblich an ihrer Brust. Ein neuer Kick, endlich. Sein Name: Dionysos. Sein Versprechen: Geilheit, Glück und Göttlichkeit.
Es dauert lange, ehe in den "Bakchen" des Euripides, wie sie Gustav Rueb jetzt auf die Bühne des Kasseler Schauspielhauses gebracht hat, das erste Wort gesprochen wird. Nur der Geldspielautomat rattert und klingelt gelegentlich. Allein dieser wunderbare Auftakt würde schon die Fahrt nach Nordhessen lohnen. Doch der Inszenierung geht auch danach die Luft nicht aus.
Die antike Tragödie um den Gott des Rausches, des Weins und der Fruchtbarkeit, der für seine Missachtung durch Thebens Machthaber Pentheus blutige Rache nimmt, hat Regisseur Rueb auf knappe zwei Stunden verdichtet. Aus dem 2400 Jahre alten letzten Drama des griechischen Tragödiendichters wird hier eine zeitlose Erzählung von der Macht des Rauschs. Von seiner befreienden wie seiner zerstörerischen Kraft.
Dionysos alias Bacchus (stark: Enrique Keil) könnte eine moderne Partydroge genauso sein wie religiöser Fanatismus. Einer gelangweilten Gesellschaft kommt er gerade recht: Nicht nur die Bakchen - bei Euripides die auch sexuell entfesselten Jüngerinnen des Rauschgotts - erfasst er, sondern alle. Männer meinen, aus der Ordnung ausbrechen zu können, wenn sie sich in Frauenkleider hüllen und dem Kult anschließen. Selbst Pentheus (Daniel Scholz), der diese Un-Ordnung eigentlich mit allen Mitteln bekämpfen will, kann sich der Anziehungskraft schließlich nicht mehr entziehen - und fällt ihr zum Opfer.
Der Kneipensaal (für den Bühnenbildner Daniel Roskamp ein dickes Sonderlob gebührt!) wird zum blutbesudelten Schlachtfeld. Und grausam ist das Erwachen, das Erkennen. Die Party ist vorbei, wieder einmal. Dionysos muss dem Kater weichen - der Rausch hat seine Schuldigkeit getan, der Rausch kann gehen. Aber der nächste kommt bestimmt.

HNA :: 30-03-09

"Bakchen" am Kasseler Staatstheater: Blutige Lust aufs andere Leben
Tragödie zeigt Durchschnittsmenschen von heute
von Bettina Fraschke

Ein Kneipensaal nach einem Fest. Abgenutzte Eiche-rustikal-Möbel, struppige Glitzergirlanden, Müllknäuel am Boden. Man kann die Erwartungen förmlich spüren, die hier noch in der Luft hängen. Durchschnittsmenschen im Billigschick mit Kunstlederhandtasche (Kostüme: Ulrike Obermüller, Bühne: Daniel Roskamp) warten, dösen.
Die ersten zehn Minuten von "Bakchen" am Kasseler Schauspielhaus vergehen im sprachlosen Ausharren. Damit zieht Regisseur Gustav Rueb das Publikum in dieselbe Stimmung hinein wie sein Bühnenpersonal. Eine Mattigkeit, die die Schleuse zu verborgenen Sehnsüchten öffnen kann.
Sehnsucht steht im Zentrum seines sehenswerten Zugriffs auf Euripides' antike Tragödie um den nicht auflösbaren Kampf zwischen Ratio und Rausch, profan und heilig, dem modernen Machthaber Pentheus und dem dunkel lockenden Gott Dionysos. Der kann nur deshalb so erfolgreich sein, zeigt Ruebs überzeugender und viel beklatschter Abend, weil er zielsicher jene Leerstellen im Alltag füllt, die das Profane, das Vernünftige - also: das Moderne - hinterlassen.
Rueb öffnet einen weiten Assoziationsraum, deutet vieles an und nicht alles aus, blickt nicht auf Ethik, sondern auf menschliche Bedürfnisse.
Dionysos' gefeierte Ankunft in Theben, die Festnahme durch Machthaber Pentheus, Dionysos' Trick, den Widersacher den Furien auszuliefern, die ihn im Wahn zerfetzen - allen voran Pentheus Mutter Agaue: All das spielt sich in dieser schäbigen Wirtschaft ab. In diesen matten Nachtstunden voller Erwartung.
Ein Vexierspiel, gekonnt verschieben sich die Ebenen. Zum Beispiel mit dem Gedenkaltar für Dionysos' Mutter Semele. Teelichter, Räucherstäbchen, Kunstblumen: Das sieht aus wie die Spontan-Schreine, die Menschen nach Unfällen am Straßenrand errichten. Ein kleiner heiliger Raum im leeren Alltag. In diesen stößt Dionysos hinein.
Enrique Keil spielt ihn zärtlich, kindlich, wunderbar. Gitarre klampfend säuselt er den Frauen (starkes Trio: Marie-Claire Ludwig, Agnes Mann, Frank Richartz) ins Ohr, erweckt die Sehnsüchtigen, wandelt sie in die Bakchen (Dionysos heißt auch Bacchus, Bakchen sind seine den Rausch feiernden Anhängerinnen).
Dionysos weiß auch, wie er Pentheus (ein von Klarheit umströmter, toller Daniel Scholz) gewinnt. Umgarnt ihn mit einer erotischen Wucht, dass der nicht mehr weiß, ob er Männlein oder Weiblein ist. Ein langer Kuss und der Mann ist verzückt. Endlich fremd werden dürfen. Endlich außerordentlich - außer der Ordnung.
Auch die Nebenfiguren: verführbar, verführt. Uwe Rohbeck als Teiresias, Jürgen Wink als Kadmos, Aljoscha Langel und Uwe Steinbruch als Boten. Durchschnittsmenschen brechen aus. Am besten in Frauenkleidern.
Anke Stedingk als Agaue ist so eine Frau, die bei Partys allein tanzt. Dionysos holt sie ins Licht, macht sie zum Instrument seiner Rache. Nachdem sie ihren Sohn zerfetzt hat: schockhafte Ernüchterung. Zigarette, der Körper verkrampft, die Augen aufgerissen. Wieder klar sehen.
Am Ende zieht sich Dionysos zurück, spürt seine Anziehung schwinden. Literweise Kunstblut sind verschmiert, der Boden ist rutschig. Man streift Rock und Bluse über die besudelten Körper. Jetzt regiert nur noch der Schrubber

Göttinger Tageblatt :: 30-03-09

Verstörende Orgie in Dreck und Blut
Gustav Rueb inszeniert die "Bakchen" des Euripides im Schauspielhaus Kassel
Von Michael Schäfer

Griechenland gilt – nicht zu Unrecht – als Wiege der abendländischen Kultur. Doch die Tragödie „Die Bakchen“ des Euripides hat mit geläufigen abendländischen Werten nicht viel zu tun. Das hat Gustav Rueb in seiner verstörenden, faszinierenden Inszenierung am Schauspielhaus Kassel eindringlich gezeigt.
Kaum etwas rührt sich. Drei Frauen halten sich in einer Kneipe auf, die übersät ist mit den schäbigen Resten einer nächtlichen Fete. Die Frauen gehen zum Spielautomaten, zur Musicbox, die nicht funktionieren will, setzen sich. Stille. Irgendwo ganz hinten hört man Krähen krächzen. Fängt das Stück überhaupt einmal an? Doch, wenn auch langsam. Ganz hinten wird eine weitere Frau sichtbar, vorn links liegt völlig reglos etwas am Boden. Eine Puppe? Falsch: ein nackter Mann, der Körper weiß bemalt. Er robbt sich durch den Raum, kommt auf die Beine, macht kindisch-unbeholfene Bewegungen, stößt unartikulierte Laute aus. Ein Riesenbaby? Nein: ein kurzer Griff in den Mund, die Zunge ist frei, er spricht: Es ist Dionysos. Ein Gott, zuständig für Rausch, Orgie, für das Geschlechtliche sowohl auf Mannes- wie auf Frauenseite, geboren einmal von der Mutter, ein zweites Mal aus der Wade des göttlichen Vaters Zeus, der ihn dort versteckt gehalten hatte. «Kontrast zur Stille »Beinahe quälend langsam entwickelt Regisseur Rueb dieses Entree, um im Kontrast zu der lethargischen Stille einen ersten Eindruck von den Ritualen des Dionysos zu entwerfen: zu dröhnender Musik tanzt der Gott mit seinen Gefährtinnen, den Bakchen, sich eng und heiß ineinander verschlingend. Gegen diese tief ins Archaische weisende Götterwelt setzt Euripides mit dem Herrscher Pentheus einen ausgesprochen skeptischen Menschen als Gegenspieler. Doch die Auseinandersetzung zwischen Gott und Mensch endet furchtbar: Dionysos lässt Agaue, des Pentheus Mutter, mit eigenen Händen im Kithairon-Gebirge ihren Sohn zerreißen – im Wahn, er sei ein wildes Tier. Pentheus muss geopfert werden. Rueb lässt kaum etwas aus, um das Furchtbare ins Bild zu setzen. Braun und rot, dreckig und blutbeschmiert sind die Körper der handelnden Personen, die Mühe des Tötens wird fast körperlich spürbar. Und Bühne wie Körper sind am Ende gleichermaßen glitschig. Doch ist diese Orgie kein Selbstzweck. Die Verstörung setzt Gedanken frei: Sie kreisen um das geschönte Bild der Antike in der Rezeption spätestens seit der Weimarer Klassik, um das Verschweigen des Elementaren, Triebhaften in der antiken Kultur, das ins edle Bild einer sogenannten humanistischen Erziehung nicht recht passen will. «Sehr fremd, sehr fern »Enrique Keil als Dionysos ist grandios in Körpersprache und Präsenz, Daniel Scholz als Pentheus anrührend schwach und verführbar. Die verblendete Naivität, mit der Anke Stedingk als Agaue die Tötung ihres Sohnes erzählt, geht unter die Haut. Stimmig fügen sich die übrigen zum sehr fremden, fernen Bild, das uns – in der perfekten Trostlosigkeit der Bühne von Daniel Roskamp – schaudern macht. Nicht zuletzt deshalb, weil unsere Wurzeln dennoch in eben dieser Welt liegen.