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Medea :: Euripides

Staatstheater Kassel :: 30-04-11

Regie: Gustav Rueb
Bühne: Daniel Roskamp
Kostüme: Ulrike Obermüller
Kampfchoreographie: Axel Hambach
Licht: Oskar Bosman
Dramaturgie: Christa Hohmann

Mit:
Medea: Anke Stedingk
Jason: Enrique Keil
Chiron: Jürgen Wink
Bote: Jürgen Wink
Amme: Matthias Fuchs
Erzieher: Thomas Meczele
Ägeus: Frank Richartz
Kreon: Uwe Steinbruch
Chor der Angestellten: Christina Weiser, Eva-Maria Keller
Jürgen Wink, Matthias Fuchs, Thomas Meczele, Frank Richartz, Uwe Steinbruch

Presse

Frankfurter Rundschau :: 04-05-11

Siehe da, ein Mensch
Gustav Rueb inszeniert Euripides in Kassel
Von Joachim F. Tornau

Nein, das klingt nicht übermenschlich. Genau genommen nicht einmal nach antikem Trauerspiel. "Diese ganze Scheißdrecksfamilie soll untergehen", sagt Medea, und es ist eher resignierte Verzweiflung als barbarischer Racheschwur.
Zum dritten Mal inszeniert Regisseur Gustav Rueb, Jahrgang 1975, am Kasseler Staatstheater eine Tragödie des Euripides, und wieder präsentiert er den antiken Stoff auf ganz eigene Weise. "Alkestis" spielte in einer grauen Bushaltestelle im Nirgendwo. Die "Bakchen" suchten im schäbigen Hinterzimmer einer Kneipe nach dem nächsten Kick. Für "Medea" nun ließ er Daniel Roskamp - der Bühnenbildner sei für sein detailverliebtes Werk erneut gepriesen - ein Hotelfoyer voll Fünfziger-Jahre-Pracht auf die Bühne des Schauspielhauses bauen.
Eine geschwungene Treppe windet sich um eine samtumspannte Säule, großgemusterter Stoff bedeckt die Wände, vor großen Schiebetüren plätschert ein Zimmerbrunnen. Die Antike erscheint hier im Retro-Look. In Zeitlupe schieben sich Dienstbotinnen durch die erdrückende Opulenz. In einer runden Fensternische rasselt immer wieder das Telefon, ohne dass je ein Anruf käme.
Es ist ein Ambiente, in dem auch der unverständlichste Gedanke gedeihen kann: Das zu töten, was man am meisten liebt, um den zu treffen, den man am meisten hasst. Anke Stedingk als Medea, die sich mit der Ermordung der eigenen Kinder blutig für die Untreue ihres Gatten Jason rächen will, ist keine Furie. Nicht eiskalt, nicht rasend vor Eifersucht. Sie trinkt, ist in ihrer Trauer und enttäuschten Liebe gefangen und schmiedet schließlich - bei einer kurzen Zigarettenpause - mit dem weiblichen Hauspersonal den Racheplan. Auf die Härte, die ihr von ihrem Mann (Enrique Keil) entgegen gebracht wird, reagiert sie mit Härte gegen sich selbst. Kein Monster, keine Hexe, keine Kämpferin. Ein Mensch. Großartig!
Wie gewohnt hat Rueb auch hier wieder offensiv den Rotstift angesetzt: Auf knapp zwei Stunden hat er den Euripides-Text verdichtet, hat ihn bearbeitet und ergänzt. Und er hat ihm - in Anspielung auf den ursprünglichen Medea-Mythos vor Euripides - ein Ende verpasst, das manchen Premierenbesucher verwirrt nach Hause gehen lässt: Nicht Medea tötet die Kinder. Wovon sie nur redet, das wird schließlich Jason tun - um sich nun seinerseits an Medea zu rächen. Weil sie ihn so erschreckt hat. Und weil sie seine Geliebte ermordet hat. Ein verzweifeltes Unentschieden.

Thüringische Landeszeitung :: 04-05-11

Rosenkrieg in der Lobby

Am Staatstheater Kassel zieht Anke Stedingk als "Medea" alle Register der Leidenschaft.

Während die Welt sich von spitzenbesetzten Bildern royaler romantischer Liebe erst noch erholt, stürzt der königliche Hof zu Korinth in schwärzeste Verzweiflung. Es wütet Medea, jene tragische Figur der griechischen Mythologie, die als Sinnbild der Rache gilt. Anke Stedingk, die im Schauspielhaus Kassel mit furiosem Einsatz, quasi mit Haut und Haaren die Titelpartie im Drama "Medea" des Euripides verkörperte, ist eine - im Wortsinn - ausgezeichnete, mehrfach preisgekrönte Tragödin. Ihrer Bühnenpräsenz ist der Löwenanteil des Premierenerfolges zuzuschreiben. Ihre Medea strotzt vor Energie, vor rasender Wut, vor ungebremster Leidenschaft und kühl dosierter Schamlosigkeit.
Bereits ihr erster Auftritt in der schalen Kunstlicht-Atmosphäre einer ehrgeizig im samtigen Zeitgeschmack der 60er Jahre eingerichteten seelenlosen Hotellobby mit allerlei blickdichter Großblattbotanik (Bühne: Daniel Roskamp) deutet das Unheil brütende Potenzial der angetrunkenen, unberechenbaren Herrin an.
Es wird furchtbar kommen, soviel ist gewiss. Denn der Centaur Chiron (Jürgen Wink), der seinen in freien Rhythmen gesprochenen Prolog noch im blutrot ausgeleuchteten Interieur als vom Publikum eher belächelter Vierhufer abgehalten hatte, kündet seinem Pflegesohn Jason das Schicksal. Doch wie so oft im direkten Kontakt der Generationen will der Sohn von den Geschichten des Alten nichts wissen. Mit dieser Eingangsgeste verbeugt sich Regisseur Gustav Rueb vor dem großen griechischen Stoff. Nach "Alkestis" und den "Bakchen" ist "Medea" seine dritte Euripides-Inszenierung am Kasseler Staatstheater.
Über den Bass einer E-Gitarre transferiert er das attische Trauerspiel in ein beklemmendes Kammerspiel, vor dem man gut und gerne Angst haben kann wie vor Virginia Woolf. Nicht die Macht des Schicksals, nicht die Unausweichlichkeit göttlicher Vorhersehung wird den Protagonisten zum Verhängnis, sondern der bürgerliche, fragile Gesamtzusammenhang Ehe und Kleinfamilie, worauf die Tragödie letztlich eingedampft wird. Man nennt das dann Rosenkrieg. Da gibt ein Wort das andere in der deutschen Übersetzung von Hubert Ortkemper, und König Kreon (Uwe Steinbruch) bedient sich eines Berlusconi- Zitats. Bunga, Bunga!
Vor den Augen der beiden blassen, nicht nur bei Tische stummen Kinder kommt es mit dem Auftritt des gewaltbereiten Jason (Enrique Keil) zum ersten Eklat mit seiner vor Eifersucht schäumenden Gattin. Anke Stedingks hart geschminktes Gesicht: Das gesamte Mienenspiel kann in Sekundenschnelle ins Versteinerte kippen, ebenso wie sie von tiefster Kränkung geknickt ohne Vorwarnung in äußerste Raserei verfällt. Diese Frau im glitzernden Neckholder (Kostüme: Ulrike Obermüller) ist ein Vulkan. Ihr untreuer Gatte überzieht das unverhohlen lauschende allgegenwärtige Personal mit der dazugehörigen Portion Lava aus Furcht und Schrecken. Ungestört will er sein, ein letztes Mal Sex haben. So reagiert der nackte Mann auf die flambierte Frau. Es ist die alte Nummer.
Die Angst um die zierlichen, wehrlosen Knaben verstärkt der Chor der Angestellten in großartig wirrem, kanonartig einsetzendem Textvortrag. Die Domestiken werden das Vorhaben der Kindsmörderin nicht stoppen. Der eindrucksvolle Monolog des Boten (Jürgen Wink), der vom grausamen Tod des Königs Kreon und seiner Tochter berichtet, bereitet auf den Kulminationspunkt der Handlung vor. Die Kampf-Choreographie (Axel Hambach) der beiden Streithähne ist bei allem Schauer staunenswert professionell. Alles ist erlaubt: treten, würgen, ertränken, gegen die Wand werfen. Wie Erynnien erscheinen die Kinder im weißen Hemd. "Mama und Papa sind jetzt wieder leise", versprechen die lädierten Eltern. Und sie halten sich daran, aber das hören die kleinen Engel nicht mehr: aufgesetzter Schuss, aufgesetzter Schluss.

Göttinger Tageblatt :: 03-05-11

Rachgier einer Mutter geht unter die Haut
Von Michael Schäfer

Unglaublich stark ist sie in ihrem Zorn, tödlich verletzt durch die Untreue ihres Mannes, tödlich in ihren Rachegelüsten, grausam und gnadenlos konsequent im Denken. Medea, Titelfigur des Dramas von Euripides, ist eine in tiefste tragische Konflikte verstrickte Heldin von übermenschlicher Größe. Ihre Rachsucht gipfelt im Mord an den eigenen Kindern.
So hat es Euripides in der 431 vor Christus entstandenen Tragödie beschrieben. Am Ende bringt der griechische Dramatiker göttliche Kräfte auf die Bühne: Nachdem Medea die Geliebte und neue Braut ihres Mannes, deren Vater und ihre eigenen beiden Kinder umgebracht hat, entschwindet sie auf dem Drachenwagen ihres Großvaters Helios, des Sonnengottes, gen Himmel. Der Deus ex machina verhindert eine finale Auseinandersetzung.
Regisseur Gustav Rueb, zuletzt in Kassel mit den „Bakchen“ des Euripides erfolgreich – bei den Hessischen Theatertagen 2010 mit dem Regiepreis ausgezeichnet –, verweigert sich der göttlichen Endlösung. Er verlegt seine Inszenierung in die späten 1950er Jahre, wie Ausstatter Daniel Roskamps mit seiner atmosphärisch dichten Bühne verdeutlicht (man fühlt sich in die Architektur des Kasseler Opernhauses versetzt). Dass Jason die Frau verlässt, die ihm zwei Kinder geboren hat, um eine neue Ehe mit der (jungen) Tochter des korinthischen Herrschers einzugehen, wird zu einem Rosenkrieg, der auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft hätte ausgetragen werden können.
Diese Verlegung in unsere Nähe heizt die dramatische Spannung spürbar an. Der Gedanke, das ginge uns alles ja nichts an, weil das Stück schon fast 2500 Jahre alt ist, will – und soll – sich nicht einstellen. Sehr konsequent hat Rueb die Aktualisierung umgesetzt und dementsprechend auch den Schluss des Stückes verändert. In einer unerbittlich geradlinigen Zuspitzung des tragischen Konflikts lässt er Medea beim Mord an den Kindern scheitern. Wir hören einen Schuss, dann Kinderweinen, Medea kommt mit der Pistole die Treppe herunter, gebrochen, ganz ohne die eindrucksvolle Kraft, die sie in ihrer gnadenlosen Wut und Rachgier zuvor ausgestrahlt hatte. Stumm übergibt sie die Pistole an Jason. Der steigt nach kurzem innerem Kampf die Treppe hinauf. Wir hören zwei Schüsse. Totenstille. Jason setzt sich neben Medea. Blackout.
Das geht unter die Haut – ­weitaus heftiger, als wenn Medea auf dem Sonnenwagen in den Himmel enteilt wäre. Ist sonst die Aktualisierung eines Theaterstücks nicht selten bloßer Effekthascherei geschuldet, so ist sie hier Ergebnis eines nachvollziehbaren, sehr konsequenten Denkprozesses.
Im Ensemble ragt Anke Stedingk in der Titelrolle mit ihrer eindrucksvollen sprachlichen wie darstellerischen Kraft heraus. Sie besitzt eine enorme Bühnenpräsenz und vermag sehr genau verschiedene Gefühlsebenen zu differenzieren: von der hell auflodernden Rachsucht bis zu dumpfer, abgrundtiefer Verzweiflung, von peinigenden Selbstzweifeln bis zu gieriger Leidenschaft und Sinnlichkeit. Enrique Keil als Jason ist angemessen fies und verächtlich gegen seine erste Frau, vor allem auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Die Einsicht in die finale Katastrophe hätte sich vielleicht noch ein wenig mehr in seinem Spiel spiegeln können.
Unter den weiteren Darstellern sei Jürgen Wink hervorgehoben, der zu Beginn als Kentaur Chiron pfiffig-augenzwin­kernd die Vorgeschichte der Tragödie erzählt. Später gehört er in Frauenkleidern dem „Chor der Angestellten“ an, wie Gustav Rueb in seiner Fassung den Chor der Frauen von Korinth nennt. Ihm ist der Botenbericht von der Ermordung Kreusas und Kreons anver­traut: Den gestaltet Wink ­derart grandios, dass dem Zuschauer die Luft wegbleibt. Das Publikum in der nicht ganz ausverkauften Premiere klatschte begeistert und sparte nicht mit Bravorufen für die Protagonisten.

HNA :: 02-05-11

Gustav Rueb inszeniert am Staatstheater Kassel „Medea“
Eine Frau sieht rot. Noch muss sie sich selbst überreden, zu tun, was zu tun ist. Im Rennen noch steigert sie sich in ihren Entschluss hinein, schlägt wie wild ihre Bediensteten weg.
von Juliane Sattler

Medea ist hier Göttin, Zauberin, vor allem aber eine Rächerin. „Die Kinder schonen“, nein, diesen Einwand will sie nicht hören, sie will ja ihn treffen. Wie ein Mantra wiederholt die Kämpferin mit kraftvollen Abwehrbewegungen nur diesen einen Satz: „Es ist der letzte Weg“.
Mit „Medea“ von Euripides in der Übersetzung von Hubert Ostkämpfer setzt Gustav Rueb nach „Alkestis“ und den hochgelobten „Bakchen“ seine Auseinandersetzung mit der griechischen Tragödie am Staatstheater Kassel fort. Daniel Roskamp hat für den großen Mythenstoff von der Mutter, die ihre Kinder tötet, weil ihr Mann eine andere, Glauke, die Tochter des Kreon, heiraten will, ein düsteres Szenario der Verlorenheit geschaffen.
Eine Hotellobby mit aufschwingender Treppe und einem nach hinten sich öffnenden Raum, 50er-Jahre-Stil mit viel Plüsch, Pflanzengrün und einem ständig klingelnden Telefon. Wie Hitchcock oder Lynch mutet das an, bedrohlich und zerstörerisch. Gustav Rueb verlagert den Antikenstoff ins Heute, legt den Akzent seiner Inszenierung auf den Rosenkrieg zweier Alphatiere, wer tötet wen, wenn Liebe in Hass umschlägt?

Anke Stedingk als Medea trägt ihre blassblaue Glitzerrobe (Kostüme: Ulrike Obermüller) wie eine Glamourqueen, triumphiert mit einem höhnischen Lachen, wenn der treulose Jason ihr seinen Plan mit gewohnter Routine darlegt. Medea soll mit ihren Kindern verbannt werden. Wie Anke Stedingk sich hier in fassungslose Wut hineinarbeitet, belässt die Szene in einer irritierenden Schwebe. Raserei ja, aber auch der große Wille eines tödlichen Planes dominiert.
Und wenn sie fast beiläufig den Entschluss fasst, ihre Kinder umzubringen, und sagt: „Mir graust, wenn ich daran denke, was ich tun muss“, ist da nicht das geringste Grauen in dem Satz auszumachen. Brillant ist das, und der bravourös agierende „Chor“ der Bediensteten erstarrt in Erschütterung.
Rueb, immer das Heute im Sinn, vereint in seiner Regiearbeit Kampf und Erotik, lässt Jason und Medea sich in wilden Prügeleien, aber auch im letzten erotischen Rendezvous annähern. Beides liegt ja ganz nah beieinander. Aber sein Schluss kommt dann so überraschend wie rätselhaft daher.

Dem finalen Auftritt der Kinder (Felipe Lawrenz und Samuel Gorzalnik) folgt eine Umschreibung des griechischen Tragödienstoffes nach einer Version von Tom Lanoye. In Kassel teilen sich Meda und Jason den Mord an den Kindern, Platzpatronen zerreißen den Raum. Es sind drei, und der Zuschauer findet sich plötzlich in einem Thriller wieder. Zum Schluss sitzt das Paar apathisch nebeneinander auf der Treppe, das Licht verlöscht.
Ein viele Fragen aufwerfendes Ende für eine Inszenierung, deren großes Verdienst es aber bleibt, ein beinahe 2500 Jahre altes Stück ganz nah an uns zu bringen. Stürmischer Applaus für den Ehekampf zweier Alphatiere.

hr2-Frühkritik :: 01-05-11

Eckhard Roelcke im Gespräch mit Andreas Wicke

Die Geschichte der MEDEA des Euripides ist eine ganz ungeheuerliche Geschichte von Liebe, Verrat, Treulosigkeit und einer unfassbar verzweifelten Rache, die im Mord an den eigenen Kindern gipfelt. Die Geschichte der Königstochter Medea aus Kolchis, die dem Argonautenführer Jason zum Goldenen Vlies verhilft, ihrem Geliebten in die Fremde folgt und dann kippt die Geschichte in Verrat und Reue, Kindesmord.
Sie haben die MEDEA des Euripides in der Inszenierung von Gustav Rueb gesehen am Staatstheater Kassel und darüber wollen wir sprechen jetzt in unserer Frühkritik. Stimmt denn die Geschichte, wie ich sie so im Stenogramm gerafft habe? Stimmt es mit dem überein, was Sie gesehen haben?

Wenn man von Kindesmord spricht, stimmt es. Wenn man vom Mord der Mutter an ihren Kindern spricht, dann geht’s in Kassel etwas anders aus. Denn Jason wähnt am Ende die Kinder tot, aber plötzlich tauchen sie wieder auf, werden mit dem Satz „Die Mama und der Papa sind jetzt wieder leise" ins Bett geschickt. Dann geht Medea zu ihnen nach oben. Man hört einen Schuss. Das zweite Kind weint. Dann geht Jason nach oben, es fallen zwei Schüsse. Am Schluss sitzen die beiden Elternteile etwas verstört auf einer Treppe. Das war zunächst ein sehr ungewöhnlicher Schluss. Der aus einer zeitgenössischen MEDEA-Adaption stammt und uns erst mal etwas verunsichert hat.

Die Artisten nicht unter der Zirkuskuppel ratlos, aber vielleicht doch die Zuschauer im Parkett?

Ja. Aber vielleicht muss man doch ein paar Worte zu dieser Inszenierung sagen. Gustav Rueb verlegt das antike Drama in ein großbürgerliches Milieu. Schauplatz ist also nicht der Vorhof des Palastes in Korinth, sondern eine sehr mondän plüschig gestaltete Hotellobby, wo immer auch das Personal rumwuselt. Was aus der Antike geblieben ist, das ist ein Säule. Allerdings ist sie hier mit dunklem Stoff gepolstert und stützt die große Treppe, die aus dem Salon ins Obergeschoss führt. Dieses großbürgerliche Milieu wird dann auch in den Kostümen durchgehalten. Also MEDEA trägt Paillettentop und Abendkleid. Sie raucht und trinkt. Das Ambiente hat mich immer wieder an Ehedramen á la Ibsen oder Strindberg erinnert. Nun kann man natürlich einhaken, dass ein Mythos per se überzeitlich ist und deswegen eigentlich nicht zwanghaft modernisiert werden müsste. Aber das Tolle an der Inszenierung von Gustav Rueb ist, dass diese Aktualisierung in keinster Weise bemüht oder verkrampft daherkommt. Dass man im Gegenteil sich hin und wieder bewusst machen muss, wie alt dieser Text wirklich ist. An einer Stelle kippt dann die Inszenierung doch etwas ins „Spielfilmhafte". Wenn Medea gerade scheinbar einlenkt, im Hintergrund am Tisch flambiert wird und Jason strippt, während die beiden „Fly me to the moon" singen, da weiß man doch wirklich kurzzeitig nicht, ob hier versucht wird, dem Mythos hier absurde Qualitäten zu entlocken. Auch diesen Schluss vermag ich nicht so ganz eindeutig zu erklären. Will Jason Medea testen? Soll sie glauben, er habe sich erschossen? Auch die Frage nach einer gemeinsamen Zukunft steht da plötzlich im Raum. Also es bleibt sehr vieles offen und gerade das fand ich, macht einen großen Reiz dieser Inszenierung aus.

Es hat ja eine Tradition, diesen Stoff zu bearbeiten: Die Medea des Euripides – da gibt es … und Grillparzer, Heiner Müller und Christa Wolf, um nur die zu nennen unter vielen anderen. Das sind ja die literarisch Größten – und man kann und man darf natürlich Stoff bearbeiten – aber die Bearbeitung muß natürlich überzeugen. Sie sagen „toll" und Sie haben das fasziniert mitangeschaut. Wer ist denn am Ende tot und wer überlebt? Weiß man das, wissen Sie es?

Also, wir ahnen, dass die Kinder tot sind, weil die Schüsse gefallen sind – und wir sehen, dass Medea und Jason noch leben, weil sie auf der Treppe sitzen … Dann geht das Licht aus.

Ja, was folgt daraus?

Da folgt zunächst draus, dass wir eine Inszenierung gesehen haben mit zwei herausragend guten Schauspielern, also Anke Stedingk spielt eine Medea, die einerseits ganz in dieser mondänen, bourgoisen Welt verhaftet ist, andererseits immer zwischen Hass und Liebe schwankt: Sie ist mit sehr viel Körpereinsatz auf der Bühne und schafft es trotzdem oder gerade deswegen immer wieder ein paar Momente ganz großer und übermächtiger Trauer zu zeigen … auch Enrique Keil als Jason spielt mit dem ständigen Wechsel zwischen äußerem Schein als Lebemann im Smoking und der inneren Verzweiflung in diesem familiären Konflikt – und man merkt bei ihm, dass zwischen einer sophistischen Rhetorik des Euripides und bürgerlicher Verlogenheit dann gar kein so großer Unterschied besteht. Also, die Psychologie der Inszenierung lebt von häufigen Tempo-Wechseln zwischen einerseits einer ganz statuarischen Ruhe und dann doch wieder kleineren und größeren Ausbrüchen … Hinzu kommt das Spiel der Kinder, das völlig unwirklich, ja fast „alien-haft" wirkt – andererseits immer wieder die Perspektive der Verzweiflung unterstreicht - und vielleicht noch einen Blick auf den Chor: Der besteht aus den Hotelangestellten – die oft völlig orientierungslos auf der Bühne herumstehen – und die chorischen Texte gerade nicht im klassischen Unisono deklamieren, sondern die werden sehr vielfältig gestaltet. Das geht von durcheinander gesprochenen Texten, aus denen man nur einzelne Wörter und Fetzen heraushört, über gemeinsam ganz leise eingeflüsterte Passagen, bis hin zu Textfetzen, die von den Choristen übernommen werden.
Also diese MEDEA ist wirklich ganz anders als erwartet – aber so wie ja auch Euripides den Mythos auch nicht nur übernimmt, sondern in seinem Sinne zuspitzt, so ist auch Ruebs Inszenierung eine ganz intelligent gemachte Arbeit am Mythos mit wunderschönen Bildern und vielen wunderbar offenen Fragen – die kann man ja am Muttertag gut diskutieren.