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Invasion! :: Jonas Hassen Khemiri

Staatstheater Kassel :: 29-01-12

Regie und Bühne: Gustav Rueb
Bühnenbildmitarbeit und Kostüme: Sybille Pfeiffer
Sounddesign: Heiko Schnurpel
Choreographie-Mitarbeit: Eva Mohn
Dramaturgie: Dieter Klinge

Mit:
Schauspieler A: Dieter Bach
Schauspieler B: Sebastian Klein
Schauspielerin C: Anna-Maria Hirsch
Schauspieler D: Thomas Meczele

Presse

Kulturmagazin :: 01-03-12

Alles Abulkasem oder was?

Im tif feierte das Stück Invasion eine umjubelte Premiere

Von Steve Kuberzyck-Stein

Es beginnt so süß und witzig: Puppenspiel mit Barbies im Spielzeugboot. Man erfährt: »Silvio Luna segelte einst mit Frau und Kind nach Sardinien.« Doch – wo kommen denn da plötzlich diese Störgeräusche her? Wer rüpelt denn da im Zuschauerraum? Mit Zwischenrufen, Gegröle und Pforzgeräuschen stören zwei Radaubrüder die Inszenierung – und das währende der ausverkauften Premiere des neuen tif-Stückes Invasion (Inszenierung und Bühne Gustav Rueb/ Dramaturgie: Dieter Klinge). Gehören die dazu oder sind die echt? Das Licht geht an, Bühnenarbeiter erscheinen und rufen: »Wir brechen ab.« Doch der Spaß mit dem Ernst beginnt erst. Die beiden vermeintlichen Pöbelbrüder sind Schauspieler und Teil des Ensembles, das den Zuschauern in den nächsten 80 Minuten mit grotesk überzeichneten Klischees und herrlich durchgeknallten Figuren den Spiegel vorhält. Man könnte fast sagen: mit Comedy-Shampoo gründlich den Kopf wäscht.

So verrückt wie irritierend glaubhaft

Genaugenommen wirft das Stück des Autor Jonas Hassen Khemiri – die Mutter Schwede, der Vater Tunesier – keine Fragen auf, aber jede Menge Fragwürdigkeiten. Medien, Macht, Moral, Klischees – wir glauben, was uns vorgesetzt wird. Jedes Vakuum sucht sich seinen Inhalt. In den rasend schnellen Szenenwechseln wird zwar auf Possenmaß gestutzt, was das Zeug hält – zwei Prolo-Typen mit jugendlichem Gassenslang führen ein, blödeln herrlich, unterhalten mit viel Komiker-Talent prächtig – gleiches gilt für das gesamte Ensemble, dennoch wirken diese »Verrückten irritierend glaubhaft. Auch die anderen Szenarien: Ein Talkmaster mit Expertenrunde, so ausgekotzt intellektuell wie blutarm, eine Seminargruppe – so dösig, alternativ und schlapp, so kennt man die Klischees, so erzeugt man sie. Auch die Feindbilder vom geilen, aber dummen und aufdringlichen Ausländer, der der hübschen, intellektuell und moralisch überlegenen Deutschen nur Fragmente ins Ohr zu labern weiß: »Eh, was geht? Find diesch äscht puschig. Gibst Nummer, oder?«

Abulkasem heißt der Triebgesteuerte. Und von ihm, besser von diesem – Namen, Ausdruck, Begriff – wird man in Kürze überflutet werden. Denn Abulkasem steht in dem Stück für alles. Ist Maske und Versteck, ist Propaganda und Hetzjagd. Ist Ausdruck für Ängste, für Gefühle, für Hass, für Terroristen oder den besten Freund. Abulkasem ist die Allzweck-Lösung und Allzweck-Waffe. Überall einsetzbar, beliebig anwendbar und jederzeit zu verändern.

Rasante Szenen- und Rollenwechsel

Im Stück geht immer alles rasant schnell. Die tollen Darsteller (Dieter Bach, Sebastian Klein, Anna-Maria Hirsch, Thomas Meczele) wechseln im Minutentakt die Rollen. Ebenso oft wechselt das Bühnenbild. Doch was heißt Bühnenbild. Eine gähnend lange, mobile Schrankwand ist hier die Drehscheibe des Lebens. Einmal rotiert und man glotzt zum Beispiel sogleich auf eine Medienwand, in der Fernsehmoderatoren über die Suche nach Abulkasem berichten. Agenten aus aller Welt jagen ihn. Warum? Das weiß keiner so genau, aber dass man jemanden jagen kann – das zählt, beruhigt, tut gut. Projektionsflächen, alle gebündelt in dem einen Namen Abulkasem. Klingt thematisch etwas abgehoben, doch will man deuten, dann steht Abulkasem für uns alle. Für das Individuum und die Gesellschaft. Für jede Flucht und jede Suche. Für jeden Nenner, dem die Zähler nicht bekannt sind oder ungenannt bleiben wollen. Abulkasem ist Maske und Identifikationshilfe. So können aus Pfützen Ströme werden, aus Klischees Meinungen, aus Unbekannten Phantome der Angst, die es zu jagen und zu vernichten gilt. Es geht um Abulkasem. Das bedeutet? Es geht um alles. Denn mit diesem Begriff wird gefüllt, was gefühlt, nicht aber definiert wurde. Und so wird der Sündenbock geformt, wie auch das Image. Das Vorurteil genährt, wie auch die Identität. Und ganz besonders wichtig: Ängste bekommen einen Namen.

Das großartige Stück bietet ein breites Feld an Interpretationsmöglichkeiten, wie auch, wenn man so möchte, Botschaften. Basteln wir uns doch eine eigene - und nennen sie nicht Abulkasem, sondern bei ihrem richtigen Namen. Auch wenn man dabei auf Klischees verzichten muss und ein wenig selbst nachdenken. Genau das hat uns Abulkasem nämlich gelehrt. Applaus? Gefühlte zehn Minuten.

HNA :: 31-01-12

Die Jagd nach dem Phantom

Von Fabian Fröhlich

Während der ersten Minuten könnte man noch denken, man sei im falschen Stück: eine historische Erzählung, liebevoll und ein wenig altbacken mit Puppen und Schiebekulissen nachgestellt. Und wo bleiben der angekündigte Jugendslang, das Tempo, der Bezug zum Kassel der Gegenwart? All das wird kommen, und zwar sehr bald. Auf welche Weise die Realität in die behäbige Märchenwelt einbricht, das sei hier nicht verraten – das muss man erleben.

Das vor sechs Jahren in Stockholm uraufgeführte Stück Invasion! des schwedisch-tunesischen Autors Jonas Hassen Khemiri lebt vom fliegenden Wechsel. Gustav Rueb lässt in seiner Inszenierung für das Kasseler tif die Szenen mal fließend ineinander übergehen, mal nutzt er das zentrale Element des Bühnenbilds, einen um die Mittelachse rotierenden Kleiderspind, um ein neues Setting zu etablieren.

Vier Schauspieler spielen fast 20 Rollen, nicht nur aus Gründen der Ökonomie, sondern weil genau dieses Spiel mit den Identitäten ein Thema des Stücks ist. Testosterongesteuerte Araberjungs, dozierende Experten oder coole Geheimdienstler, sie alle kreisen um eine leere Mitte: Abulkasem – anfangs ein Modewort unter Jugendlichen, das alles und nichts bedeuten kann und dann wie ein Virus im Laufe der eineinhalb Stunden weiter mutiert.

Abulkasem ist der libanesische Onkel, die iranische Star-Regisseurin und schließlich der gejagte Terrorist. Er ist die Maske, in die man schlüpft, das Feindbild, das man sich errichtet, Projektionsfläche für Wünsche und Ängste.

Man verzeiht den Schauspielern manch lustvoll bedientes Klischee (Thomas Meczeles »Afrika-Tante« oder Dieter Bachs öligen Showmoderator), weil das Ganze immer wieder irrwitzig komisch ist – und eben doch auch genau beobachtet.

Allein wie Sebastian Klein und Anna-Maria Hirsch im Laufe des Stücks die gleiche Anmachszene zweimal aus zwei verschiedenen Perspektiven spielen, ist grandios. Und Meczeles Schlussmonolog, der den Kreis schließt und zugleich noch einmal einen ganz neuen Ton anschlägt, gehört zum Besten, was man in den letzten Jahren im tif gesehen hat.

Langer Applaus für eine Inszenierung, der man wünscht, dass sie auch beim jungen Publikum einschlagen möge. Mit Wucht.