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Dantons Tod :: Georg Büchner

Staatstheater Kassel :: 02-02-13

Regie: Gustav Rueb
Bühne: Daniel Roskamp
Kostüme: Ulrike Obermüller
Sounddesign: Heiko Schnurpel
Videoeinrichtung: Peer Engelbracht (impulskontrolle)

Mit:
Georg Danton: Thomas Meczele
Camille Desmoulins: Alexander Weise
Hérault-Séchelles: Björn Bonn
Philippeau: Aljoscha Langel

Robespierre: Peter Elter
St. Just: Anke Stedingk
Collot d'Herbois, Mitglied des Wohlfahrtsausschusses: Dieter Bach
Fouquier-Tinville, öffentlicher Ankläger: Bernd Hölscher

Julie, Dantons Gattin: Alina Rank
Lucile, Gattin des Camille Desmoulins: Eva Maria Sommersberg
Marion, Grisette: Anna-Maria Hirsch

Alter Danton | Kleinrentner | Der Mann mit der Haarbürste | Ein Herr | Sanson, Henker von Paris | Gefangener | Erster Fuhrmann: Matthias Fuchs
Alter Robespierre | Rosalie, Grisette | Gefangener | Zweiter Fuhrmann: Jürgen Wink
Ein Weib | Adelaide, Grisette | Gefangener | Schliesser: Marina Vysotsky

Produktionsfotos: N. Klinger
Trailer: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&list=UUJgpK9SKCoY9bv-d3acaW_w&v=S60hSSNnB3g

Presse

Göttinger Tageblatt :: 05-02-13

GUSTAV RUEB INSZENIERT „DANTONS TOD“ IN KASSEL

Von Peter Krüger-Lenz

„Ich weiß, dass es mich das Leben kosten kann.“ Das sagt einer, der derzeit die Revolution in Ägypten vorantreibt. Das hätte auch Georg Danton sagen können, wahrscheinlich hat er es gedacht. Georg Büchner schrieb 1835 das Stück „Dantons Tod“, in dem er sich mit der revolutionären Feindschaft zwischen Danton und Robbespierre beschäftigt, zwei führender Gestalten der französischen Revolution.
Im Staatstheater Kassel hat Gustav Rueb das Werk jetzt inszeniert – es ist eine wirklich grandiose Produktion geworden.
Büchner war erst 21 Jahre alt, als er „Dantons Tod“ schrieb. „Woher wusste er das alles schon?“, fragte Intendant Thomas Bockelmann im Anschluss an die Premierenvorstellung die Theaterbesucher. Eine berechtigte Frage, denn Büchner verhandelt in sehr komplexer Sprache sehr komplexe Themen.
Robbespierre ist der kühle Denker, der unbestechliche Rationalist, der Weggefährten ohne mit der Wimper zu zucken den großen Zielen opfert. Danton ist einer dieser Weggefährten, der Revolution bisweilen eher schwärmerisch betreibt. Ein brillanter Rhetoriker zwischen jugendlichem Überschwang, dem Glauben an die eigene Unantastbarkeit und gesegnet mit dem Charisma des Anführers.
Er entdeckt den Kitzel amouröser Abenteuer und zweifelt immer mehr am Sinn der Aufruhr. Beide versuchen noch einmal, zueinander zu finden. Doch schließlich lässt Robbespierre den ehemaligen Freund Danton und seine Kameraden köpfen, Heißsporne wie Danton auch.
Manchmal arg testosterongesteuert
Für diese Gemengelage hat Daniel Roskamp eine überraschende und sehr starke Bühne entworfen. Alles spielt sich in einer Art rundumverglasten Penthaus mit Wintergarten ab, das sich von Szene zu Szene dreht, zum Junggesellenapartment wird, zum Gerichtssaal und schließlich sogar als enge Gefängniszelle taugt. Hier wartet die Jungmänner-Gruppe auf den Abtransport zur Guillotine.
Von vielen starken Figuren ist die Szenerie bevölkert. Thomas Meczele ist als Danton sehr emotional, körperlich und präsent, manchmal aber arg testosterongesteuert. Aus seiner Clique sticht Camille Desmoulins hervor, den Alexander Weise mit viel nachvollziehbarem Überschwang, später dann voller berührender Angst spielt.
Anke Stedingks Finstermann St. Just, ein Berater Robbespierres, flüstert leise und teuflisch gut ein. Jürgen Wink und Matthias Fuchs runden als gealterter Revolutionäre mit roter Clownsnase und viel Weisheit das Drama ab. Ganz nah kommen einem die Figuren, die auf der Bühne mit sich ringen, mit der Zeit, der Revolution, mit Gewalt und Liebe. Verstärkt wird dies durch eine Soundcollage, die Heiko Schnurpel entworfen hat. Auch diese: beeindruckend.

HNA :: 04-02-13

DIE REVOLUTION VERBRENNT

"DANTONS TOD" AM KASSELER STAATSTHEATER
von Bettina Fraschke

Dieser Abend ist ein Aufschrei. Gespeist aus Adrenalin, Sexgier, Machtgeilheit und Angst. Wie nah diese Stimmungen beieinanderliegen, zeigt Gustav Ruebs grandiose Inszenierung von Georg Büchners Drama „Dantons Tod“.
Die wurde im ausverkauften Kasseler Schauspielhaus am Samstag mit frenetischem Beifall gefeiert.

Rueb gelang ein durchdachter, beziehungsreicher und zugleich höchst sinnlicher Revolutionsabend, dessen aufwühlender Euphorie – und Beklemmung – sich die Zuschauer kaum entziehen konnten. Das überzeugende Ensemble schuf aus den historischen Figuren lebendige und zu Herzen gehende Charaktere. Eine ganz nah an die Sitze herangebaute Bühne (Daniel Roskamp) und mehrere Spielszenen im Saal verstärkten die Intensität des Erlebnisses zusätzlich. Minimale Längen gab es allenfalls im zweiten Teil.
Zum bedrohlichen Dauergrollen (Sounddesign: Heiko Schnurpel) entfalten sich die Nachwirkungen der Französischen Revolution. Danton, der Star von einst, zehrt vom Ruhm, ist aber müde geworden. Bei sexuellen Eskapaden und einsamen Spaziergängen durch die Nacht versucht er, seiner wachsenden Skepsis Herr zu werden: Wie soll es weitergehen? Thomas Meczele spielt ihn mit flirrendem erotischen Charisma und als Typ, der sich auch seinen politischen Weggefährten über eine große Körperlichkeit nähert. Dabei ist er stets von Melancholie umflort, der Blick ins Unbestimmte gerichtet.
Seine Clique steht schließlich vor dem Tribunal, eine ewige Nacht lang wartet man auf den Gang zum Schafott, pusht sich noch einmal in den Rausch von damals, als alles möglich schien, als die Revolution Welten öffnete. Alexander Weise ist als Camille an Dantons Seite ein junger Brausekopf. Er brennt wie eine Lunte, die man an beiden Enden angezündet hat. Sein Camille ist einer, der nie aufhört zu debattieren, für den Atmen und Überzeugenwollen eins sind. Und der doch ohne seine geliebte Lucile (Eva Maria Sommersberg) nicht sein kann.
Björn Bonn (Hérault) und Aljoscha Langel (Philippeau) komplettieren die coole Gang in Adidashosen, Rüschenhemd und Wallehaar (Kostüme: Ulrike Obermüller).

Anke Stedingk spielt auf der gegnerischen Seite den Strippenzieher St. Just unheimlich-verführerisch wie einen Mephisto. Peter Elters Robespierre will hingegen purer Geist werden. Er ist ein leiser Nerd, dessen Besserwisserei und ideologische Unbedingtheit ihn in die Nähe von Religionskriegern rücken. Auch das ist eine Stärke des Abends: Die Themen Volksherrschaft und Gesinnungstyrannei werden so tief durchdrungen, dass sie Assoziationsräume zum Deutschen Herbst oder zum Arabischen Frühling öffnen, ohne dick aufzutragen.
Ständig ist ein Stahlkantenwürfel auf der Drehbühne in Bewegung, wird zum Kumpeltreff, Debattenort, Gerichtssaal. Plexiglasflächen trennen einen Raum der Einsamkeit, Ausweglosigkeit ab. Live-Videos verdoppeln das Geschehen. Das manipulierte Volk applaudiert wie eine Armee geistloser Aufziehpüppchen. Zu sehen sind ferner: Dieter Bach, Bernd Hölscher, Alina Rank, Anna-Maria Hirsch, Matthias Fuchs, Jürgen Wink und Marina Vysotzky.

Am Ende realisiert Lucile, dass sich trotz der Hinrichtungen nichts ändern wird. Mit letzter Kraft will sie den Lauf der Geschichte anhalten und schreit bis zur Erschöpfung. Es bleibt Verzweiflung.

Thüringische Landeszeitung :: 04-02-13

BEVOR IN PARIS DIE KÖPFE ROLLEN, ZIRPEN DIE GRILLEN

Dantons Tod in Kassel

Von Evi Baumeister

Als effektvoll aufgezogenes Revolutionsdrama mit Geräuschbeilage hat Gustav Rueb am Staatstheater Kassel "Dantons Tod" von Georg Büchner inszeniert.
Kassel. Paris - die Stadt der Liebe? Nein, Paris ist ein Schlachthaus. Wir sind mitten darin im Foyer des Schauspielhauses Kassel, wo zwischen das kühle Kaffeehausmobiliar zwei Guillotinen aufgebaut sind, gewissermaßen in Lebensgröße. Die schaurige Begrüßung deutet bereits an, worum es dem Regisseur Gustav Rueb mit der Inszenierung von Georg Büchners Drama "Dantons Tod" geht: das mit klugen, scharfen Schnitten eingekürzte Revolutionsstück bei weitgehender Werktreue seinem zeitlichen Kontext zu entreißen und in den "Fatalismus der Geschichte", sprich in eine konsumfreudige Gegenwart von zeitloser Harmlosigkeit zu transferieren.
Das Schafott, eine freundliche Spende des Hauses Chanel, trägt dessen Logo, der bejubelte Premierenabend einen frischen Hauch blutunterlaufener Gesellschaftskritik ohne aktuelle politische Bezüge. Doch ehe sich ein rockiges Aroma aus dem 68er Flacon auf der doppelgängig verglasten Drehbühne von Daniel Roskamp verbreiten wird, extrahieren in einer Art Prolog die ehemaligen Kampfgefährten und jetzigen Bademantelhelden Danton und Robespierre mit überschminkten Mündern den wie vom Zufall der Mikadostäbchen hingeworfenen bedeutungsvollen Satz: "Die soziale Revolution ist nicht beendet."
Robespierre starrt durch ein Einheits-Brillengestell
Das Publikum wird diesen wie ein medizinisches Präparat sezierten Passus im Verlauf des Abends mehrfach hören. "Das Laster muss bestraft werden, die Tugend muss durch den Schrecken herrschen" - dieser Ausspruch Robespierres hängt drohend wie ein Damoklesschwert über dem zweiteiligen Abend.
Das Laster verkörpern vier jungenhafte Deputierte, allen voran der schneidige Sympathieträger Thomas Meczele als Georg Danton. So sehr er in seiner Rolle zündende Funken von Freiheitsliebe und Freundschaft versprüht, so verkrampft und verklemmt gibt Peter Elter den Gegenspieler Robespierre. Seinen Augenengstand mit irr besessenem Blick betont ein Einheits-Brillengestell, vor dem einem bange werden kann. Unerbittlich wird er ausführen, was ihm der eiskalt angelegte St. Just einflüstert. Die stille Niedertracht der Anke Stedingk, das leise Auftreten dieses hier weiblichen jakobinischen Todesengels bleibt einem stärker im Bewusstsein als alle raubeinig bis zur Heiserkeit vorgetragenen Passagen der Herren Camille Desmoulins (Alexander Weise), Hérault-Séchelles (Björn Bonn) und Philippeau (Aljoscha Langel).
Wie sich das lichte, locker orgiastisch anmutende Leben von Danton & Friends wendet zum eingekerkerten Schattendasein (Licht: Oskar Bosman), so hebt sich knarzend und gruselig effektvoll der Deckel der Geräuschekiste, die Sounddesigner Heiko Schnurpel dem Stück öffnet. Nach dem abendschön gesprochenen Monolog der verführerischen Grisette Marion (Anna-Maria Hirsch) meint man, ein fauchendes Monster tue sich auf. Die effektvoll in einen Glasgang gespreizten Volks- und Massenszenen werden mit starkem Nachhall potenziert, zarte Grillen zirpen zu Lucilles Wahnideen, denen Eva Maria Sommersberg glaubhaft verfällt.
Dantons Gattin Julie (Alina Rank) greift zum Strick, denn das Todesurteil über ihren Liebsten wird vollstreckt. Da fährt mit dem ersten sackenden Schattenfallbeil ein Zucken durchs Publikum. Doch danach hat man sich an die blutverschmierten Hemden (Kostüme: Ulrike Obermüller) und die abgehackten Köpfe schnell gewöhnt, wie es das Flugblatt dem hessischen Lande kündet. Nach ernstem, später begeistertem Applaus geht man zur Tagesordnung - Premierenfeier - über. Die Schnittchen werden gleich hinterm Schafott serviert.

HR 2 :: 03-02-13

Hier können Sie die Frühkritik von Dr. Andreas Wicke nachhören: http://bit.ly/YwEaSR