Galerie
                           

Aufstand der Glückskekse (UA) :: Jacques Offenbach

Neuköllner Oper :: 05-07-12

Aufstand der Glückskekse - eine chinesische Offenbachiade
Nach Jacques Offenbachs Bataclan, neu von Kriss Rudolph (Text) und Andrew Hannan (Musikal. Bearbeitung)

Musikalische Leitung: Andrew Hannan
Regie: Gustav Rueb
Ausstattung: Alexandre Corazzola
Choreographie: Nini Stadlmann

Mit:
Li Mone: Alexandra Schmidt
Ma Sehn: Nikolas Heiber
Ai der Daus: Nini Stadlmann
Hung er Haken: Dejan Brkic

Presse

Cicero :: 06-08-12

Der Wink mit der Frühlingsrolle

Trotz Sommerpause präsentiert die Neuköllner Oper das groteske Globalisierungs-Singspiel „Aufstand der Glückskekse“. Dezente Zwischentöne sucht man vergeblich, dafür bietet die adaptierte Offenbach-Operette amüsante Glückskecks-Philsophie

Während die drei großen Berliner Opernhäuser ihre wohlverdiente Sommerpause nehmen, dreht die vom überregionalen Feuilleton oft übersehene „Neuköllner Oper“ auch im kulturschläfrigen Monat August so richtig auf. Jedenfalls habe ich mich gestern Abend in der Aufführung des grotesken Globalisierungs-Singspiels „Aufstand der Glückskekse“ prächtig amüsiert.

Die Kulisse besteht aus nicht viel mehr als einem chinesischen Drachenkopf, aus dessen Maul ein Fließband ragt und der in seiner oberen Schädelpartie Platz bietet für das Ein-Mann-Orchester Andrew Hannans an seiner zweimanualigen Wersi-Orgel. Der Rest des Ensembles: vier Sänger mit viel Talent und ebenso viel Spaß an der Sache, der sich von der ersten Minute an auf die Zuschauer überträgt. Es braucht eben nicht immer großen Aufwand, um in diesem sonst eher personal- und materialintensiven Genre Funken zu schlagen.

Der Autor Kriss Rudolph hat Jacques Offenbachs Einakt-Operette „Ba-ta-clan“ aus dem Jahr 1855 ohne große Berührungsängste umgeschrieben und aus einer Verwechslungskomödie um einen französischen Möchtegern-Kaiser im China des 19. Jahrhunderts ein Auswanderer-Drama mit umgekehrten Vorzeichen gemacht. Wir befinden uns also in nicht allzu ferner Zukunft in einer chinesischen Glückskeksfabrik, deren Produktion in geradezu unmenschlichem Tempo vom Fließband aus dem Drachenkopf rollt.

Die Arbeiter Ma (Nikolas Heiber) und Li (Alexandra Schmidt) schuften sich krumm und buckelig, um das glücksverheißende Gebäck versandfertig für den internationalen Markt zu machen. Um ihre eigene Fortüne ist es eher schlecht bestellt. Zumal sie unter der Fuchtel einer erbarmungslosen Chefin namens Ai (Nini Stadlmann) und ihres eilfertigen Vorarbeiters Hung (Dejan Brkic) stehen. Irgendwann proben die geknechteten Arbeiter den Aufstand und streiken ganz altmodisch für die kühne Forderung nach fünf Tagen Urlaub im Jahr und der Rente mit 69. Mit Gewerkschaften ist es eben nicht mehr weit her in der Industriegesellschaft asiatischer Prägung. Natürlich kommt es im notorischen Ausländer-Kiez Neukölln einem Wink mit der Frühlingsrolle gleich, wenn die ausgebeuteten Arbeiter in Wahrheit Deutsche sind, die vor der wirtschaftlichen Post-EU-Misere ihres Heimatlandes ins prosperierende China geflüchtet sind und sich dort mit der Sprache schwertun: Ihr Gebrabbel im albernen Als-Ob-Chinesisch (Dalai Lama, Sching, schang, schung) ist dann aber schon wieder derart infantil, dass es als Klischee eines Klischees beinahe die philosophische Tiefe einer Glückskeks-Botschaft erreicht.

Eine Stunde lang arbeitet sich diese Heimorgel-Offenbachiade an allem ab, was die landläufigen Vorurteile so zu bieten haben, und als die beiden unter Schwarzhaar-Perücken verkappten Wirtschaftsflüchtlinge ihre gemeinsame Herkunft entdecken, schwelgen sie in einem herzzerreißenden Duett in Erinnerungen an das ferne Deutschland: Bier, Haribo, Tatort, Bundestagswahl, auf „Freiheit der Presse“ reimt sich „Ostermesse“ ganz vorzüglich. Dezente Zwischentöne sollte niemand erwarten, aber als Globalisierungs-Burlesque in Hairspray-grellen Farben funktioniert der „Aufstand der Glückskekse“ hervorragend. Tatsächlich schwebt der Geist von John Landis mindestens genauso wirkmächtig über der Neuköllner Opernstudiobühne wie der von Jacques Offenbach.

Man mag das gerne Kleinkunst nennen, aber es ist ein Vergnügen, wie sich die Macher der „Neuköllner Oper“ immer wieder der ganz großen politischen Gegenwartsthemen annehmen. Immerhin waren sie auch die ersten, die Deutschlands erster Bundeskanzlerin bereits im Jahr 2002 eine „Nationaloper“ unter dem Titel „Angela“ gewidmet haben. Wir freuen uns jedenfalls jetzt schon auf die musikalische Umsetzung der Abenteuer einer gewissen SPD-Troika oder auf ein Musical über den Niedergang der FDP. Bürger dieses Landes, schaut auf Neukölln!
Alexander Marguier

zitty, Berlin :: 26-07-12

Musikgroteske

Die Neuköllner Oper, wie immer am Puls der Zeit, hat sich nach dem „Pariser Leben“ von Jacques Offenbach diesmal dessen grotesk überdrehte Chinoiserie „Ba-ta-clan“ zur Brust genommen. Das Team – Kriss Rudolph (Text) und Andrew Hannan (musikalische Fassung für elektronische Orgel) – verlegte die Geschichte aus einem fiktiven chinesischen Mini-Kaiserreich in eine chinesi sche Fabrik des Jahres 2030, in der deutsche Arbeitsmigranten im Akkord Kisten für Glückskekse versandfertig machen müssen. Der Herrscher des Königreichs ist in Wirklichkeit Franzose, spricht kein Wort Chinesisch, vertuscht seinen Migrationshintergrund aber mit absurden Winkelzügen. Die Akkordarbeit und das Heimweh nach gutem deutschen „Blauklaut“ lässt die Arbeiter einen Aufstand anzetteln und „das Ludel übelnehmen“.
Regisseur Gustav Rueb hat das alles mit leichter Hand temporeich inszeniert. Die vier Protagonisten, Nini Stadlmann als Chefin Ai (Wei Wei), Dejan Brkic als Vorarbeiter Hung, Nikolas Heiber als Arbeiter Ma und Alexandra Schmidt als Arbeiterin Li, blödeln sich, vollkommen von der Rolle, kalauernd („Sich legen blinkt Segen“) und mit Spielwitz durch den einstündigen Abend. Vor soviel glandiosem Abelwitz kapitulielt selbst del klitischste Klitikel.
Hermann-Josef Fohsel

Klassik.com :: 16-07-12

„Wo die schönen Trompeter blasen“

Wegweisender Offenbach-Abend an der Neuköllner Oper

‚Ba-ta-Clan‘ – bekannter Einakter von Offenbach
Dass Offenbachs Einakter ‚Ba-ta-Clan‘ von 1855 sich heute solcher Bekanntheit und Beliebtheit erfreut – im Gegensatz zu den vielen, vielen anderen Einaktern, die er geschrieben hat – liegt vermutlich daran, dass es von dieser „chinoiserie musicale“ über vier Europäer, die in China gestrandet sind und nichts sehnlicher wünschen, als zurück nach Hause zu kommen, eine grandiose Aufnahme gibt: Erato brachte 1966 jene Schallplatte heraus, die zu den Klassikern der Offenbach-Diskographie gehört und vor allem wegen Tenor Raymond Amade und seiner haarsträubend komischen Imitation einer Trompete im Finale zu den besten Offenbach-Aufnahmen überhaupt zählt. Es gibt wirklich wenige Einspielungen, die einen auch heute noch (inzwischen ist ‚Ba-ta-Clan‘ auf CD veröffentlicht) derart „anspringen“ und mitreißen können, wie das berühmte Finale „Le chapeau chinois, le trombonne! Ding ding ding!“ und das bizarre Mörder-Duett „Morrrrrrrto!“, in dem Offenbach Donizetti und Bellini einmal so richtig durch den (chinesischen) Kakao zieht. „Rrrrrraca“ – aber richtig!

‚Ba-ta-Clan‘ Bearbeitung an der Neuköllner Oper heißt ‚Aufstand der Glückskekse‘
Jetzt hat sich die Neuköllner Oper in Berlin daran gemacht, diese frühe Farce unter dem neuen Titel ‚Aufstand der Glückskekse‘ auf den Spielplan zu setzen und innerhalb einer einzigen Spielzeit nun schon die zweite Offenbach-Premiere am Haus anzubieten. Zur Erinnerung: Erst kürzlich war in Neukölln eine Neubearbeitung von ‚Pariser Leben‘ zu sehen unter dem etwas billig lokalpatriotischen Titel ‚Berliner Leben‘. Die textliche Neubearbeitung erledigte Kriss Rudolph, der zwar ein wahrlich wunderbares Händchen für gute Reime und Pointen hat, aber mir als Offenbach-Fan keinen besonderen Gefallen mit seiner Generalüberholung eines ohnehin schon perfekten Stücks tat – das in meinen Augen zu einer billigen Trash-und-Transen-Nummernfolge verkam. Und wenig mehr. Meine Erwartungen an ‚Ba-ta-Clan‘ bzw. den ‚Aufstand der Glückskekse‘ waren anfangs eher gedämpft. (Musical&Co-Rezension ‚Berliner Leben’)

‚Aufstand der Glückskekse‘ ist richtig gut gelungen.
Allerdings ist es im Fall des chinesischen Einakters ein rundum anderes Produktionsteam, das am Werk ist, und alles, was ich am ‚Berliner Leben‘ so entsetzlich fand, funktionierte auf einmal ganz wunderbar. Rudolph versetzt die Geschichte von den vier Europäern – die im Original alle aus Paris kommen – vom 19. Jahrhundert in die nahe Zukunft, ins Jahr 2030. Sie sind diesmal allesamt aus Deutschland und als geknechtete Gastarbeiter in China am Fließband tätig, nachdem in Europa um 2013 der Euro zusammenbrach und keine Arbeitsplätze mehr zu finden waren. Nach wie vor geht es darum, dass die Europäer zurück nach Hause wollen, weg aus der fremden barbarischen Kultur, die sie nicht verstehen. Aus dem pseudo-asiatischen Herrscher Fé-Ni-Han (Tenor) und dem Chef der Palastgarde Ko-Ko-Ri-Ko (Bass) sind jetzt eine Fabrikaufseherin (Mezzo) und ihr Vordermann (Bariton) geworden, die beiden anderen Figuren sind einfache Arbeiter. Alle in blauer Einheitskluft à la Metropolis. Oder McDonalds auf Chinesisch?

Regisseur Gustav Rueb lässt die Geschichte an einem Fließband spielen, das aus einem gigantischen silbernen Drachenkopf herauskommt wie eine überdimensionale Zunge (Ausstattung: Alexandre Corazzola). Auf dem Drachenkopf sitzt – ebenfalls in chinesischer Arbeitermontur – der musikalische Leiter, Andrew Hannan, der an einer zweimanualigen Konzertorgel Wersi „Helios“ schuftet, wie in einem alten Horrorfilm, und magische Töne erzeugt, die erfrischend abwechslungsreich und mitreißend klingen. Eine echte Klangbereicherung, die Offenbachs absurden Abenteuerurlaub nach Fernost auf bizarre Weise spiegelt.

Wie in einem alten Horror- oder Scifi-Film startet auch die Handlung. Mit grotesken Bewegungen zu grotesker Musik. Da Rudolph dieses Grundgerüst Offenbachs und seines Librettisten Halévy nicht anrührt und auch das Nonsense-Chinesisch Nonsense-Chinesisch sein lässt, funktioniert alles wie geleckt. Die neue Handlung – dass die Glückskeksfabrikgastarbeiter zurück wollen und hier nicht aus Paris sondern aus Deutschland kommen – passt ebenfalls problemlos zum Grundgerüst. Und ich habe selten so überzeugende und durchgeknallte Darsteller von Operettenextremslapstick erlebt wie das Sängerquartett, das die Neuköllner Oper aufgeboten hat: Nini Stadlmann als furchteinflößende Chefin der Glückskeksfabrik, die zurück nach Oberammergau will, ist köstlich in ihrer verbitterten Einsamkeit (sie kann kein Chinesisch und kann sich entsprechend mit niemandem verständigen, bis sie merkt, dass um sie herum nur verkleidete Deutsche sind, denen sie zur Flucht hilft); Dejan Brkic als machtlüsterner Vorarbeiter ist stimmlich zwar zu wenig auftrumpfend, aber als optischer Typ ideal, der Bassbaritonbösewicht der Handlung – hier aus Bielefeld abstämmig. Zum Schluss wird er in seinem Machthunger erschlagen von den eigenen Glückskekskartons. Das ulkige Liebespaar geben Alexandra Schmidt mit leuchtendem Sopran und großem komischen Spieltalent und der athletische Nikolas Heiber, eigentlich ein Musicalmann von der UdK, der aber den Offenbach-Tonfall erstaunlich sicher trifft, inklusive die berühmten Trompetentöne im Finale. Dieses wiederum wird zu einer raumfüllenden Turnnummer mit Roter-Bänder-Choreographie erweitert. Und ist mindestens so mitreißend wie auf der alten Erato-Aufnahme.

Einziger (!) Einwand
Mein einziger (!) Einwand ist, dass der vom Schauspiel kommende Regisseur scheinbar nicht verstanden hat, dass etliche Nummern bewusste Opernparodien sind: außer Donizetti und Bellini wird besonders Meyerbeer mit seinen pathosgeladenen ‚Hugenotten‘ im Finale saftig recycelt: „Hosanna, mort, je t’aime!“ Diese Parodien sind bei Rueb nicht als gesonderte Moment im Gesamtkontext markiert, werden auch nicht anders gespielt oder gesungen, wodurch ein bisschen der volle mögliche Spaß gebremst ist. Denn es fehlt dem Stück dadurch eine gesonderte Komik-Ebene, die zumindest textlich in Kriss Rudolphs neuem Libretto angelegt ist (es ist eh weitgehend Nonsense-Text wie „tatatatatatatatatata“ oder Tzing! Boum! Ding!“). Und dass bei dieser Traumbesetzung ausgerechnet das alles mitreißende, alles überwältigende Finale eingekürzt wurde, also die zweite Strophe des Revolutionslieds „Ba ta Clan“ (hier der gefürchtete „Tanz des grünen Drachen“) mit den Trompetenimitationen einfach gestrichen ist, schmerzt. Mit dieser Bänder-Choreographie und mit diesem stimmlich wie optisch attraktiven Burlesk-Tenor hätte ich mir auch 20 Strophen angehört. Eine ist definitiv zu wenig!

Unbedingt öfter aufführen!
Die Produktion läuft in der winzigen Studiobühne und scheint den Geschmack des Berliner Publikums getroffen zu haben: sie ist fast immer ausverkauft. Was bei 57 Plätzen auch nicht ganz so schwer ist, zugegeben. Trotzdem. Sie wäre ein idealer Export-Artikel, denn man kann das aus Fließband und Drachenkopf bestehende Bühnenbild leicht in jedes Foyer eines Opernhauses stellen und dort für einen gelungenen Operettengastspielabend fernab aller üblicher (und tödlicher) Walzer- und Champagnerseligkeit sorgen. Schön wäre es auch, wenn diese besondere Fassung – auch wegen der Orgelklänge – auf Tonträger festgehalten werden könnte. Vielleicht als Hörspiel bei Deutschlandradio Kultur und danach auf CD? Andrew Hannan als Master of Ceremonies und Kriss Rudolph haben da jedenfalls eine wirklich gelungene Operettenköstlichkeit zubereitet. Und sich mit Regisseur Rueb vier Darsteller gesucht, die ich gern öfter in Operetten sehen/hören möchte – nicht nur in Einaktern von Offenbach! Es scheint mal wieder, dass die wahre Operettenrevolution, wie zu Zeiten Offenbachs Mitte des 19. Jahrhunderts, von den Minibühnen im Off-Bereich ausgeht. In diesem Sinn kann ich nur sagen: „Allons! En avant le Ba-ta-Clan!“
Dr. Kevin Clarke

Berliner Zeitung :: 16-07-12

Drache frisst Rettungsschirm

Die Furcht vor der gelben Gefahr ist keine Erfindung unserer Tage. Jacques Offenbach thematisierte sie bereits 1855 in seinem Einakter "Ba-ta-clan". Diese "Chinoiserie Musicale" freilich ist nicht ängstlich, sondern vor allem verrückt-amüsant. Man lacht über das, was einen sorgt, und schon sieht die Sache anders aus. Für die Neuköllner Oper war das kleine Stück Vorlage, um daraus eine Version nach Art des Hauses zu basteln: Heutig, komisch, beschwingt. Das fängt an bei der aktualisierten Textfassung von Kriss Rudolph, der die Handlung ins Jahr 2030 verlegt, in dem China die europäischen Schulden bezahlt und damit Euroland aufgekauft hat.: Der Film "Rettungsschirm" wird in China zur erfolgreichsten Komödie denn je. Jetzt verdingen sich Europäer als Gastarbeiter im Reich der Mitte. Doch sie haben mit Integration nichts im Sinn.
Spass am Mumpitz
Die kleine Studiobühne ist bei der Uraufführung der Länge nach durch ein Fliessband geteilt, das in einen silbern-roten Drachenkopf führt. Li (Alexandra Schmidt) und Ma (Nicolas Heiber) verpacken auf den Knien Glückskekse für den Versand. Sie tragen blaue Anzüge am Leib und stille Verzweiflung im Gesicht. Als sie einen Streik anzetteln, stellt sich heraus, dass auch die grimmige Chefin Ai (Nini Stadlmann) und ihr betonköpfiger Vorarbeiter Hung (Dejan Brkic) keine Chinesen sind, sondern nur so tun. Doch die deutsche Herkunft des Quartetts überwindet die Gegensätze nicht und der Kampf zwischen Pflicht und Neigung, Heimweh und Fernweh wogt hin und her. Dazu haut Andrew Hannan, der die musikalische Leitung inne hat, ordentlich in die Tasten einer elektronischen Orgel aus den 70er-Jahren, die der bizarren Handlung eine adäquat schrullige Atmosphäre gibt. Mal wird ein revolutionäres Kampflied geschmettert, dass die Stromversorgung in der Fabrik zusammenbricht, mal ein Schuhplattler aufs Reismattenparkett gelegt. Was einem an Klischees vor Augen stehen kann, zeigt Gustav Rueb in seiner unbeschwerten Inszenierung mit humorvollem Elan - sei es das Gebot des permanenten Lächelns, die Dressur von Kindern zu Hochleistungen oder traditionelle Tanz- und Fechtrituale. Das ist umso lustiger, als ja gar keine Asiaten an diesem "Aufstand der Glückskekse" beteiligt sind. Das Ensemble hat offensichtlich viel Spaß an dem Mumpitz und bringt sogar das Publikum zum Fähnchenschwingen.
Irene Bazinger

Tagesspiegel, Berlin :: 09-07-12

Chinakracher in der Neuköllner Oper: „Aufstand der Glückskekse“

War Offenbach visionärer, als wir dachten? In seiner ganz frühen, heute weitgehend vergessenen Operette „Ba-ta-clan“ (1855), einem schlanken 60-Minüter, sind der Kaiser von China und seine engsten Vertrauten eigentlich Franzosen, was sie aber gegenseitig nicht wissen. Verdingen sich hier Leiharbeiter in einem fremden Land, weil es zu Hause keine Jobs mehr gibt? Europa am Boden, China als Wirtschaftsriese? Klingt vertraut. Offenbach meinte das zwar als Parodie auf die Zustände im Dritten Kaiserreich und auf Meyerbeers Oper „Die Hugenotten“, aber Autor Kriss Rudolph liest in „Ba-ta-clan“ auch eine vergnügliche Parodie auf die Gegenwart. Zuletzt hat er an der Neuköllner Oper „Pariser Leben“ mit Haudraufhumor, aber witzig in „Berliner Leben“ umgearbeitet, jetzt ist er sichtlich auf den Geschmack gekommen und schiebt mit „Aufstand der Glückskekse“ gleich seine nächste Operettenbearbeitung nach.

Statt Franzosen schuften jetzt deutsche Gastarbeiter in einer Glückskekse-Fabrik (Regie: Gustav Rueb). Andrew Hannan hat Offenbachs Partitur für zweimanualige Orgel arrangiert, Nikolas Heiber ist der Arbeiter Ma, Alexandra Schmidt singt die Arbeiterin Li mit leuchtend weißem, Nini Stadlmann die Fabrikleiterin Ai mit flammend rötlichem Sopran. Dejan Brkic bringt als Vorarbeiter Hung – eine Figur, die sich an Mozarts Osmin orientiert – einen tollen schwarzgalligen Bass mit. Rudolphs neuer Text scheint zunächst arg im rassistischen Fahrwasser zu navigieren, die Sänger singen mit dümmlichen „Hatschi“-Silben und können kein „r“ sprechen. Später wird klar, dass Rudolph hauptsächlich deutsche Klischees über China ausstellt – und der bayrische Schuhplattler wird nebenbei gleich miterledigt. Zudem ist sein Text erfrischend kalauerangstfrei („Woher genau? – Oberammergau!“). Nix dagegen – die Operette als aussterbende Kunstform hat nur dann eine Chance, wenn sich eine neue Generation mit Leidenschaft und eigenem Blick für sie einsetzt (wieder am 12.-15., 19.-22., 26.-29. Juli). Udo Badelt