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Die andere Seite :: Dejan Dukovski

Staatstheater Kassel :: 28-09-05

Regie: Gustav Rueb
Bühne: Florian Etti
Kostüme: Julia Wernhard

Mit:
Lucky: Jürgen Wink
Lilly: Eva-Maria Keller
Little: Andrea Cleven
Tricky: Sebastian Hülk
Barfrau: Marina Wyssozkij

Presse

Theater der Zeit

(...) Die andere Seite - das ist dort, wo der Krieg seine Überlebenden ausspuckt und ihnen in perfider Weise noch ein bisschen Zeit zugesteht. Bei Dukovski heißen die Überlebenden diesmal Lucky (Jürgen Wink), ein Puppenspieler, der den Krieg und die Gräuel der Lager kennt; sie heißen Tricky (Sebastian Hülk), der sich einst den "Jagdschein" ausstellen ließ, damit er nicht eingezogen wurde, und der darüber nun wirklich abdreht; sie heißen Lilly (Eva-Maria Keller), eine ältere Prostituierte und Überlebenskünstlerin, die ihre drei Kinder durchzubringen sucht; und sie heißen Little (Andrea Cleven), eine frühreife, verrohte junge Wilde, deren vaterlose Kindheit mitten in den Krieg fiel.
In einer schnellen Szenenfolge, die das tragische Ende aller früh vorweg nimmt, rollen Text und Regie die Geschichte dann von mehreren Seiten auf. Doch nicht nur die Chronologie wird umgekehrt, auch die Perspektiven wechseln. Das Beziehungsgeflecht der vier entwirrt sich Stück für Stück und offenbart eine Verstrickung, deren eigentlicher Verursacher der Krieg ist. Florian Etti hat eine unwirtliche, mit Wellblechen und Plastik ausgestattete Bar entworfen, einen kalten Ort für Gestrandete und Durchreisende, die auf ihrem Weg zum Ende ein einziges Mal von sich selbst erzählen dürfen. Dass die bleierne Phänomenologie von Bühne und Sujet den Abend dennoch nicht dominiert und sich Ruebs Adaption schwer auf die Seele legt, dafür sorgen Dukovskis tiefschwarzer Wortwitz sowie ein ausgezeichnetes Ensemble (...)

die deutsche bühne

Gustav Rueb inszeniert das Stück auf der kleinen Tif-Bühne in filmischer Manier schnörkellos und temporeich zwischen Bar, Bänken und Toilettenhäuschen. Kein Ort Nirgendwo. Die Paare finden sich für einen schnellen Rausch im Klo, sie trennen sich und suchen eine andere Paar-Konstellation. Das hat im Bühnenbild von Florian Etti viel Jetzt-Zeit-Verzweiflung, aber auch irrlichternde Melancholie, die an Beckett und Fellini erinnert. Wenn auch das Stück von Dejan Dukovski, der mit "Das Pulverfass" 1996 international bekannt wurde, in seinem dramaturgischen Aufbau vieles an Trennschärfe zwischen den Zeitebenen vermissen lässt - die Schauspieler machen es wieder wett. Allen voran Jürgen Wink als Puppenspieler ohne Theater. Er überzieht das Stück mit einem wehmutsvollen Hauch poetischer Melancholie, schafft Haltepunkte im verzweifelten Treiben, an seiner Seite Eva-Maria Keller als Prostituierte im Bar-Fummel mit Brautschleier (Kostüme: Julia Wernhard). Ihre Lilly hat im letzten Ansturm von Verzweiflung noch so viel Sehnsucht, dass es schmerzt. Little, das Mädchen, wird von Andrea Cleven mit so viel aufmüpfigem Charme gespielt, das man eine innere Ausleuchtung der Figur vermissen mag. Sebastian Hülk gibt mit seinem Tricky ganz den coolen Typen, einer, der immer auf der Hut ist. Ein Spiel mit Pistolen im Anschlag, doch die Zeit dreht sich nur im Kreis - Dukovskis Stück reiht sich da nahtlos ein in das Schaffen zeitgenössischer westeuropäischer Autoren. Denn der Krieg ist überall und besonders in unseren Köpfen.

Frankfurter Rundschau

Regisseur Rueb unterstreicht Dukovskis Stil, indem er paralleles Geschehen nicht neben-, sondern nacheinander zeigt, in zwei Durchgängen derselben Szene. Mal steht das eine Paar im Vordergrund, mal das andere.
Für das Spiel des ausgezeichnet besetzten Ensembles, das die nicht eben geringen Herausforderungen von Stück und Regie mit geradezu erstaunlicher Präsenz meistert, hat Bühnenbildner Florian Etti eine kalte, heruntergekommene Bar geschaffen: ein Wartesaal für Gestrandete mit Schalensitzen, einem Wellblechklohäuschen für den schnellen, lieblosen Sex und einem Tresen, über dem ein Radio beständig Schwermut dudelt. Gleichwohl gerät Die andere Seite nicht zu einem bleiernen Psychodrama. Denn Dejan Dukovski schreibt - bei aller Schwere seines Sujets - mit leichter Hand. Tiefschwarz ist sein Humor und sein Wortwitz schnell. Lucky: "Ich bin im Arsch." Lilly: "Und wie ist es da?" Lucky: "Knackvoll."

HNA

Regisseur Gustav Rueb konzentriert seine Inszenierung auf das Ende der Entwicklungsmöglichkeiten Wie Lucky im Tanz, so dreht sich auch die Zeit scheinbar im Kreis. Es gibt kein Voran, keine Vorwärtsbewegung. Nur taumelndes Kreiseln um das Kriegsgeschehen.
Das formal klare und sprachlich schnörkellose Drama setzt in der Mitte der Handlung ein, erzählt von dort bis zur Katastrophe. Nach dem großen Knall wird dann vom Anfang zur Mitte erzählt. Das relativiert auch das größte Grauen, diese Erzählstruktur suggeriert, dass der einzig mögliche (gewaltsame) Ausbruch aus dem Schicksal doch nicht möglich ist.
Rueb verstärkt dieses Erzählelement dadurch, dass er die eigentlich gleichzeitig stattfindenden Gespräche der wechselnden Paarkonstellationen nacheinander zeigt und die Zeit damit statt in die Länge in die Breite dehnt.
Die vier großartigen Darsteller überzeugen durch die Subtilität ihres Spiels, auch wenn es gewalttätig zugeht. Andrea Cleven spielt das Mädchen Little mit trotziger Zärtlichkeit. Sebastian Hülk ist Tricky, der erfolglose Zauberkünstler, der mit verbalen Poltereien den Halbstarken gibt. Eva-Maria Kellers Prostituierte Lilly im sexy Fummel mit unschuldigem Brautschleiter (Kostüme: Julia Wernhard) lässt ihre Verzweiflung nur durch den Wodkarausch hindurchscheinen. Und Jürgen Winks Puppenvater Lucky taucht am liebsten in das taumelige Glücksgefühl seiner eigenen Seelenwelt ab.
Metall beherrscht Florian Ettis Bühnenbild. Wartesaalbänke, zusammengezimmerte Klohäuschen, die Theke: alles keine Orte des längeren Aufenthalts. Und doch gibt es keinen anderen Raum für die, denen auch die Zeit abhanden gekommen ist.
Begeisterter Applaus des Premierenpublikums, auch für den anwesenden Autor.