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Die Laune des Verliebten :: J. W. Goethe

Staatstheater Kassel :: 13-01-07

Eingeladen zur "Woche junger Schauspieler" nach Bensheim

Regie: Gustav Rueb
Textfassung: Elke Maul, Gustav Rueb
Bühne und Kostüme: Florian Etti
Musik: Mark Lim

Mit:
Egle: Andrea Cleven
Amine: Birte Lest
Eridon: Jochen Drechsler
Lamon: Sebastian Hülk

Presse

KulturMagazin :: 03-03-07

Rausch & Radio
Ein rasantes Spiel um Liebe und Triebe: Goethes Erstling "Die Laune des Verliebten" im tif.
Wenn das Bühnenlicht zum "Schäferspiel" erstrahlt, befinden sich die Zuschauer bereits inmitten einer turbulenten Handlung, die den Auftakt zu einem dynamischen Spiel der Geschlechter bildet. Aufgeregt schießen die vier Protagonisten mal in die eine, bald in die andere Ecke. Kleiderstangen voll prächtiger Kostüme und Spiegelsäulen bilden dabei das Dickicht, durch das sich die vier jungen Liebenden einen Abend hindurch schlagen müssen. Kostüme und Spiegel benötigen sie auch, denn auf dieser Spielwiese zwischen Flirt und Leidenschaft geht es darum, sich im bestmöglichen Licht und im vorteilhaftesten Kostüm zu präsentieren. (...)
Regisseur Gustav Rueb platziert Goethes Schäferspiel in Versen aus dem Jahre 1768 in einem zeitlosen Kontext. Kostüme und Perücken im Rokoko-Stil finden in Kombination mit moderner Garderobe auf der Bühne von Florian Etti ebenso Platz wie elektronische Klänge Gehör (Musik: Mark Lim). Die Ergänzung des ursprünglichen Textes um Elemente aus der Alltagssprache schiebt den Originalstoff an heutige Lebensumstände heran und zeigt, dass des Dichters Darstellung der Sorgen und Nöte Liebender, an deren "unschuldigem Wesen man zugleich den Drang einer siedenden Leidenschaft gewahr wird" (Goethe in Dichtung und Wahrheit), von heutigen Beziehungsproblemen gar nicht so weit entfernt ist. Zwar setzt das 21. Jahrhundert den Liebesangelegenheiten kaum noch Grenzen, doch die Vorlage legt nahe, dass sich sowohl das freizügig gebende Paar Egle und Lamon als auch die hoch moralisch denkenden Amine und Eridon gleichermaßen in den Turbulenzen des Liebesalltags verfangen.
Gustav Rueb spitzt die Probleme rund um das Liebesthema in seiner Inszenierung so weit zu, dass die Schicksale der Liebenden schließlich eine tragische Wendung nehmen. Als ginge es um ihren letzten Tropfen Blut, kämpfen sie um Leidenschaften, Sehnsüchte und Lebensträume. Dieser Kampf wird schließlich so erbarmungslos geführt, dass er, entgegen der harmlosen Vorlage Goethes, im kollektiven Selbstmord endet.Die Inszenierung von Gustav Rueb besticht durch eine geradezu berauschende Dynamik. Geschickt löst er das Stück aus seinem ursprünglichenzeitlichen Rahmen, ohne auf den Reiz phantastischer Originalkostüme und barocker Klänge zu verzichten.

Frankfurter Rundschau

O Glück, o Lust, o einsames Ende
Beschleunigter Klassiker: Goethes Bühnenerstling "Die Laune des Verliebten" in Kassel

"Wie herrlich leuchtet mir die Natur!", stöhnt Eridon, greift in seine Unterhose und bewundert sich dabei im Spiegel. "O Erd! O Sonne! O Glück! O Lust!" Zwei Goethe-Texte bringt da der junge Regisseur Gustav Rueb in Kassel forsch zusammen, das "Mailied" und den Bühnenerstling Die Laune des Verliebten, 1767 vom 18-Jährigen geschrieben. Rueb hat das Stück für die Studiobühne des Kasseler Staatstheaters inszeniert und dabei nicht eben viel vom Original übrig gelassen. Umgeben von zerrspiegelnden Säulen (Bühne: Florian Etti) probieren die beiden Liebespaare Eridon/Amine und Egle/Lamon in aberwitzigem Tempo immer wieder neue Kleider an und Worte aus.

So geht es kreuz und quer durch die Jahrhunderte, von Goethe zu Marquis de Sade zu Choderlos de Laclos' Gefährlichen Liebschaften zu Peaches ("Fuck the pain away") und wieder zurück. Regisseur Rueb hat eine rund anderthalbstündige Textfassung entwickelt, die sich als "Versuchsanordnung zur Sprache der Liebe im 18. Jahrhundert und in der Gegenwart" versteht. Goethes Handlung und (amoralische) Moral bleiben bei dieser Collage zwar auf der Strecke, doch das schadet nichts.

Die Erkundungen, die Die Laune des Verliebten in Kassel anstellt, gehen darüber hinaus. Denn die Hoffnung des pubertierenden Dichters, mit allgemeiner Untreue der Eifersucht den Boden zu entziehen, wirkt so modern wie gestrig. Rueb lotet darum auch die Abgründe der Liebe aus, die tiefer sind als Untreue und Eifersucht. Besitzansprüche. Bindungsängste. Selbstverliebtheit. Machtspiele.

Andrea Cleven als kühl-schöne Egle, Birte Leest als zerbrechliche Amine, Jochen Drechsler als narzisstischer Schönling Eridon und Sebastian Hülk als Macho Lamon tasten sich durch diese tückisch-zerklüftete Gefühlswelt, wollen sich um jeden Preis behaupten - und enden allesamt als Einsame.

Überaus spannend und unterhaltsam gerät diese Klassikerbeschleunigung. Ihr Pendant findet sie in der Bühnenmusik von Mark Lim. Der Komponist hat das Schäfersingspiel Bastien und Bastienne, das der junge Wolfgang Amadeus Mozart als Zwölfjähriger komponierte, zu immer treibenderen Grooves verfremdet. Und auch für die kollektive Resignation hat er im Werk des rebellischen Wunderkinds die richtigen Töne gefunden: "Knurren, Brummen ist vergebens, ist das wahre Kreuz des Lebens", singt das Ensemble in einem verhaltenen, verzweifelten Kanon.

HNA

Bedrohlicher Blick in den Spiegel
Goethes Erstling "Die Laune des Verliebten" in vielfacher Brechung
Ein 18-Jähriger, der - heftig verliebt - 1767 sein erstes Drama schreibt: der unbekannte Goethe. Jung, aber literarisch schon sehr versiert. Er nutzt die vorgegebene Form des Schäferspiels, um seine eigenen umwälzenden Erfahrungen zu bewältigen. Der Inhalt, die Personen sind hier immer gleich: Zwei Paare, eins harmonisch miteinander verbunden, das andere von eifersüchtigen Streitereien gequält, machen einen Lernprozess durch. Die Eifersucht des einen Partners, in diesem Falle Eridon, wird geheilt durch die Erkenntnis, dass er selbst verführbar ist. Happy-End, amoralisch, aber glücklich.

Das kleine, elegante Spiel um zärtliche Gefühle und Liebesintrigen ist die Vorlage, aus der in der Kasseler Aufführung im Theater im Fridericianum (tif) etwas ganz anderes entsteht: ein bedrohlicher Blick in den Spiegel, in dem der Zuschauer sein eigenes Gesicht erkennt, reflektiert nicht nur in den Spiegelsäulen der Bühne (Ausstattung: Florian Etti), sondern in Zitaten und Querverweisen von Goethes eigener Liebeslyrik über Choderlos de Laclos´ "Gefährliche Liebschaften" (1782) bis zu Zeitgenossen wie Georges Bataille (1972) oder Roland Barthes (1984). Darin tritt der "amour fou", die leidenschaftliche Liebe am Rande des Wahnsinns mit ihrem Selbstzerstörungspotenzial, mit quälender Deutlichkeit hervor. Ein heftiger, immer wieder Distanz und Spannung schaffender Subtext zu Goethes leichtfüßigen Alexandrinern, den die vier Darsteller souverän über die Rampe bringen.

Die Montage, die Regisseur Gustav Rueb und seine Dramaturgin Elke Maul geschaffen haben, gleicht einer Zeitreise, die sich im fliegenden Wechsel der Kostüme vom heutigen legeren Kleiderstil immer mehr der formalen Reifrock- und Perückenwelt des 18. Jahrhunderts annähert.
Doch auch hier ist nichts perfekt. Die schönen Kleider bleiben offen, die Füße nackt. Immer wieder befreien sich Amine, die Frau, die zu sehr liebt (Birte Leest mit genauer Differenzierung des Gefühlsüberschwangs), ihr launischer Verehrer Eridon (Jochen Drechsler als eigenwilliger Gefühls-Experimentator), Egle, die kluge Freundin Amines (Andrea Cleven als geschickte Manipulatorin im Beziehungsgeflecht) und ihr Freund Lamon (Sebastian Hülk, ihr treuer Liebhaber) von Perücken, Hosen und Röcken, flüchten sich in die Sensualität, suchen hektisch neue Verkleidungen und Verdoppelungen in der Spiegelwelt. Hier kommt auch Ironie ins Spiel. Doch siegen die extremen Gefühle. Die Blumen und Kränze des Schäferspiels bleiben im virtuellen Raum, die Liebe stirbt. Ein böser Schluss.