Werkstatt

Es lebe der Stapelstuhl... 9

04. Februar 2014


Nebensaison

taz-Interview

04. Februar 2014
Gustav Ruebs Inszenierungen im Norden
Die Suche nach dem Glück
Der Regisseur Gustav Rueb zeigt in Lübeck Brechts „Im Dickicht der Städte“ und in Osnabrück „Jenseits von Fukuyama“
von Hanna Klimke
LÜBECK taz | „Erwarten Sie keine Worte aus meinem Mund – ich habe nur Zähne darin.“ Es sind solche Sätze, für die man Brecht liebt. Dieser stammt aus dem selten gespielten Frühwerk „Im Dickicht der Städte“, das Gustav Rueb an nun an den Kammerspielen des Theaters Lübeck zur Premiere gebracht hat.
„Das Stück gilt als unaufführbar, zu lyrisch und zu verrätselt, und gleichzeitig als roh und unbehauen“, beschreibt der Regisseur seine Faszination für die Geschichte um den Vernichtungskampf zwischen dem zu Reichtum gekommenen malaiischen Holzhändler Shlink und George Garga, dem mittellosen Angestellten einer Leihbibliothek. „Es atmet den Geist des Chicago der 1910er- und 1920er-Jahre“, sagt Rueb. „Eine wilde Zeit, in der es gebrodelt hat: Abstiegsängste, Aufstiegshoffnungen, Zerfall von Gesellschaft, das alles wird bei Brecht verhandelt.“
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Das, was unterschwellig rumort, ist in seiner Inszenierung wesentlich beängstigender als der Hass, das Elend und die Gewalt, die Rueb zurückhaltend, aber nicht minder deutlich auf die Bühne bringt: Shlink (Susanne Höhne), geheimnisvoll lächelnd wie die Mona Lisa, verschenkt ohne ersichtlichen Grund seinen Holzhandel an Garga und vernichtet gleichzeitig seine sozialen Beziehungen, doch auch der unbedarfte Garga entwickelt unmenschliche Züge. Gargas Geliebte Jane (Ingrid Noemi Stein) und seine pietistische Schwester Marie (Evamaria Salcher) landen in der Prostitution, Garga drei Jahre im Gefängnis. Überhaupt wird gesoffen, geprügelt, gehurt und aneinander verraten, bis nichts mehr geht.
„Der Mensch ist frei, Garga“, verkündet Shlink – ein pervertierter Existenzialismus, der erfrischend unpsychologisch daherkommt. „Shlink ist weder ein Mann noch eine Frau für mich, sondern eher ein mephistophelisches Wesen“, sagt Rueb. „Eigentlich ist er eine Figur, die mittellos vom Land kam, sich hochgearbeitet hat und sich irgendwann langweilt: Shlink sucht Fühlung und Bindungen – also genau das, was die anderen aufgeben, um sozial aufzusteigen.“
Keine Experimente
Rueb interessiert sich stark für politische Themen, die er atmosphärisch und lyrisch auf die Bühne bringt – ein interessantes Kontrasterlebnis. Am Staatstheater Kassel inszenierte er „Dantons Tod“ und die Migrations-Komödie „Invasion!“ des schwedisch-tunesischen Autors Jonas Hassen Khemiri. „Es geht mir nicht um Experimente, sondern darum, Lebenswelten erlebbar zu machen, die zeitgenössische Themen widerspiegeln – egal, ob es sich um einen Klassiker oder ein aktuelles Stück handelt“, sagt der 39-Jährige.
Im Mai folgt dann Ruebs Inszenierung „Jenseits von Fukuyama“ in Osnabrück, für das der 27-jährige Nachwuchsautor Thomas Köck den 1. Osnabrücker Dramatikerpreis gewonnen hat. „Das Stück beschäftigt sich auf sehr extreme und moderne Art mit unserer ständigen Suche nach Glück“, erzählt Rueb, der gerade mit dem Autor am Ende des Stückes feilt.
Enttäuschte Erwartungen
Im Zentrum stehen ein Glücksforschungsinstitut und ein „Chor der enttäuschten Erwartungen“. Der fragt sich, wo die paradiesischen Zeiten des Wohlstands und Wachstums bleiben, die der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama 1992 in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“ verkündete, da der Kampf der Systeme mit dem Ende des kalten Krieges vorbei sei. „Das Stück thematisiert die enttäuschten Erwartungen darüber, immer noch in unsere Kämpfe und unsere ständige Suche nach Antworten verstrickt zu sein“, sagt Rueb. „Das tut Köck sehr böse und frech, das gefällt mir.“ Die Partygeneration der 1990er-Jahre kriegt dabei genau so ihr Fett weg wie die selbstoptimierte Ellbogen-Bürowelt, die ihr Glück im Geld und in der Karriere sucht.
Der in Zürich geborene Rueb merkt gerade in kleineren Häusern, wie sehr die Theater unter schwindenden Kulturetats leiden. „Die Abteilungen fahren extrem an den Rand, da gibt es dann einen Requisiteur oder einen Beleuchter, der alle Produktionen betreut.“ Faszinierend findet Rueb, dass diese Häuser trotzdem funktionieren – weil die Leute, die dort arbeiten, das Theater einfach lieben und Sonderschichten schieben. „Das ist wundervoll, aber natürlich auch das Problem: Auch wenn noch mehr Geld gestrichen wird, wird es insofern nicht sichtbar werden, als es weiter Theater geben wird.

Danton - Müde Helden

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Piazza Sant´Agostino

TOSCA

15. Juli 2010


Tosca: Kostümbilder 2. und 3. Akt
Larissa Hartmann

TOSCA

15. Juli 2010


Tosca im Fliegerhorst
Übergang vom 1. auf den 2. Akt
Bühnenbildmodell von Florian Barth für den Fliegerhorst in Oldenburg

Die Schwärmer, Plakatfoto

21. Januar 2010


"Nein, nein, Regine, wenn irgendwer, so bin gerade ich ein Träumer. Und du ein Träumer. Das sind scheinbar die gefühllosen Menschen. Sie wandern, sehn zu, was die Leute machen, die sich in der Welt zu Hause fühlen. Und tragen etwas in sich, das die nicht spüren. Ein Sinken in jedem Augenblick durch alles hindurch ins Bodenlose. Ohne unterzugehn."
Thomas' Schlussworte in "Die Schwärmer".

v. l.: Christine Schönfeld, Marina Frenk, Oliver Möller, Stefan Schießleder

Es lebe der Stapelstuhl... 5

11. Dezember 2009


Griechenland

Ingeborg Bachmann, Nebelland

11. Dezember 2009
Nebelland

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Tieren des Waldes.
Dass ich vor Morgen zurückmuß,
weiß die Füchsin und lacht.
Wie die Wolken erzittern! Und mir
auf den Schneekragen fällt
eine Lage von brüchigem Eis.

Im Winter ist meine Geliebte
ein Baum unter Bäumen und lädt
die glückverlassenen Krähen
ein in ihr schönes Geäst. Sie weiß,
daß der Wind, wenn es dämmert,
ihr starres, mit Reif besetztes
Abendkleid hebt und mich heimjagt.

Im Winter ist meine Geliebte
unter den Fischen und stumm.
Hörig den Wassern, die der Strich
ihrer Flossen von innen bewegt,
steh ich am Ufer und seh,
bis mich Schollen vertreiben,
wie sie taucht und sich wendet,

Und wieder vom Jagdruf des Vogels
getroffen, der seine Schwingen
über mir steift, stürz ich
auf offenem Feld: sie entfiedert
die Hühner und wirft mir ein weißes
Schlüsselbein zu. ich nehm´s um den Hals
und geh fort durch den bitteren Flaum.

Treulos ist meine Geliebte,
ich weiß, sie schwebt manchmal
auf hohen Schuh´n nach der Stadt,
sie küßt in den Bars mit dem Strohhalm
die Gläser tief auf den Mund,
und es kommen ihr Worte für alle,
Doch diese Sprache verstehe ich nicht.

Nebelland habe ich gesehen,
Nebelherz hab ich gegessen.


(Fräulein Mertens, Die Schwärmer, 1. Akt)

Es lebe der Stapelstuhl... 4

11. Dezember 2009


San Gimignano

Es lebe der Stapelstuhl... 3

11. Dezember 2009


Inca, Mallorca

Musil, Die Schwärmer

11. Dezember 2009


Bühnenbildmodell von Florian Etti für "Die Schwärmer"

Es lebe der Stapelstuhl... 2

11. Dezember 2009


Costa Smeralda

Robert Musil, Heimweh

11. Dezember 2009
Heimweh

Bin ein trüber Wetterling:
Vor meinem Haus zwei gelb Schmetterling
Flackern im Grau.
Du, meine Frau!
Traumgaukelding!
Tückischer Zaubervogel, schwankst still in mir
wie im Schaukelring.

Es lebe der Stapelstuhl...

09. Dezember 2009


Schloss Bothmer in Mecklenburg-Vorpommern