„Shockheaded Peter" am Landestheater Detmold: Ein Totentanz der schwarzen Pädagogik
Detmold. Wenn die Pforten der Hölle sich öffnen, dann klingen sie mal nach Jahrmarktsorgel, mal nach Punk-Rock und sehen aus wie ein Kabinett des Grauens, auf dem Grund eines verwahrlosten Vergnügungsparks. _Shockheaded Peter", die „Junk-Opera" nach dem berüchtigten Kinderbuchklassiker Struwwelpeter". hat am Detmolder Landestheater Premeire gefeiert. Was das Ensemble um Regisseur Gustav Rueb und den musikalischen Leiter Matthias Flake auf die Bühne des Großen Hauses zaubert, ist weit mehr als eine bloße Nacherzahlung sittenstrenger Kinderreime. Es ist ein rauschhafter. bösartiger und visuell atemberaubender Totentanz der pädagogischen Grausamkeiten.
Fragile, gequälte Wesen
Die Bearbeitung der britischen Kult-Band The Tiger Lillies". Julian Crouch und Phelim McDermott bürstet den Stoff von Heinrich Hoffmann rigoros gegen den Strich. In Detmold wird aus der Erziehungsmaßnahme eine bizarre Show, die das Publikum zwischen Lachen und Entsetzen schwanken lässt. Regisseur Gustav Rueb setzt konsequent auf eine Mischung aus Musiktheater, Schauspiel und schwarzem Humor. _Shockheaded Peter" erzählt die bekannten Moritaten vom Daumenlutscher, vom Zappel-Philipp oder vom Suppenkaspar dabei nicht als moralische Erziehungsstücke, sondern als bittere Parabeln über Angst, Anpassung und gesellschaftliche Zwänge. Dabei wird das vermeintliche Kindliche radikal gebrochen: Die Figuren sind keine niedlichen Karikaturen, sondern fragile, gequalte Wesen, gefangen zwischen elterlicher Autorität, sozialem Druck und existenzieller Einsamkeit.
Der zentrale Motor des Abends ist die Live-Musik. Die Musiker - sichtbar auf der Bühne integriert - liefern einen Sound, der sich irgendwo zwischen düsterem Cabaret. Punk-Attitüde und melancholischem Chanson bewegt. Die Lieder kommentieren das Geschehen nicht nur, sie treiben es voran. geben den Figuren eine innere Stimme und verstärken die emotionale Wucht der einzelnen Episoden.
Schauspielerisch überzeugte das Ensemble auf ganzer Linie. Mit großer körperlicher Prasenz, prazisem Timing und spürbarer Spielfreude wechselten die Darsteller zwischen mehreren Rollen, Geschlechtern und Altersstufen. Besonders eindrucksvoll war, wie schnell sich Komik in Grauen verwandelte: Ein harmloser Witz konnte im nachsten Moment in brutale Konsequenz.
Visuell unterstützt wird das Ensemble durch ein bewusst reduziertes, düsteres Bühnenbild, das von Christine Hilmer kreiert wurde und einen Ort zwischen Horror-Film und Zirkus schafft. Die grotesken Kostüme (entworfen von Oktavia Herbst) orientieren sich eng an der Buchvorlage. Dabei wirken sie nicht glatt oder gefällig, sondern bewusst beschädigt - ein passendes Sinnbild für die inneren Zustände der Figuren.
Die Musik: Der Herzschlag des Wahnsinns
Was wäre dieser Abend ohne die Musik? Matthias Flake, musikalischer Leiter und selbst am Klavier, ist der heimliche Regisseur im Hintergrund. Er hat die ikonischen Songs, die bewusst im englischen Original belassen wurden, so für das Ensemble arrangiert, dass sie mal nach verrauchtem Varieté, mal nach apokalyptischem Jahrmarkt klingen. Die Band, bestehend aus Kontrabass, Schlagzeug und Gitarre, peitscht das Geschehen voran. Die Musik ist der heimliche Star des Abends. Sie krächzt, sie jault, sie schmeichelt sich ein, nur um im nächsten Moment mit geballter Wucht zuzuschlagen.
Die Frage, die über dem Abend schwebt, bleibt: Warum fasziniert dieses Grauen noch heute? Die Inszenierung gibt keine einfachen Antworten. Sie zeigt die Gewalt der Erziehung als ein absurdes Theaterstück, indem der moralische Zeigefinger als Lächerlichkeit entlarvt wird.
Regisseur Gustav Rueb hat die Jugendgruppe, die hier aus gesellschaftlichen Konventionen ausbricht, nicht als bloße Opfer, sondern als rebellische Geister inszeniert. Das Publikum im ausverkauften Landestheater reagierte mit einer Mischung aus Schockstarre und frenetischem Beifall. Es gab Szenenapplaus für brillante Verwandlungen und die Gesangsnummern, die oft in einer Art makabrem Broadway-Stil dargeboten wurden und al final: Standing Ovations.
Ein Theaterabend, der verstört und fasziniert
Mit „Shockheaded Peter" hat das Landestheater Detmold einen Volltreffer gelandet. Am Ende bleibt das Publikum bewegt und aufgewühlt zurück. „Shockheaded Peter" ist kein nostalgischer Blick auf einen Kinderbuchklassiker, sondern eine schonungslose Auseinandersetzung mit Erziehung. Macht und Angst. Dank eines starken Ensembles, präziser musikalischer Leitung und klarer künstlerischer Handschrift ist ein Theaterabend gelungen, der verstört und fasziniert zugleich und damit das tut, was gutes Theater leisten sollte.
