Unterwerfung

Ein Aufschrei ging durch das Land, dem wir das schöne Worte Feuilleton verdanken: die rechten Schriftsteller seien zurück, ein Spiel mit dem Feuer, abstruse Rassismen, Unterwerfung von Michel Houllebecque sei ein gefährliches Buch! Im Jahr 2022. Ein Muslimbruder wird der Präsident Frankreichs: und alle Intellektuellen der Grande Nation haben der Islamisierung zugestimmt, nur um Marie le Pen zu verhindern. Voila, der Protagonist, ein impotenter Ästhet weiß wie Brie und Chablis, lebt sich prächtig ein in der Schariaschönen Neuen Welt der Polygamie. Sacre bleu! Was hat Houllebecqu denn da geschrieben? Mit seinem Roman, der am Tag nach den Attentate auf Charlie Hebdo punktgenau erschien? Eine Dystopie? Eine Satire? Ein Polit-Thriller? Nun, vor allem eine zärtliche Analyse eines ebenso traurigen wie komischen Europäers. Und seines Schwanengesangs im Sexshop. Eines Spezialisten für die Dekadenzliteratur des 19. Jahrhunderts, der es nur noch als Last empfindet, die perfekte Rolle im Leben zu spielen. Der einsehen muss, dass er in einer wütenden Welt lebt, in der die Segnungen der gut ausgebildeten Großstädter nicht automatisch von allen geliebt werden. Dem es kalt wird in der von Gott und Göttern leeren Welt der Postmoderne. Der auf einmal zum Anti-Helden der Demokratie wird, an der er so pflichtbewusst wie lethargisch festhält wie an einer gescheiterten Ehe. Warum der Roman zu soviel Empörung führte? Man regt sich ja gerne über das beim anderen auf, was man an sich selbst nicht mag … Houellebecq mag die Prügelei im Parlament der Ideologen sehr amüsiert haben. Leider, und das ist nun der Humor dieses großen Literaten, sind heute die Tragödien halt viel lustiger als die Farcen ...