Jago, die böseste Figur, die Shakespeare je geschaffen hat, täuscht den gutgläubigen Othello, getrieben von Ehrgeiz, Eifersucht, Hass und Rassismus. Indem Jago Othello Unwahrheiten in den Kopf setzt, verändert er dessen Wahrnehmung der Welt um ihn herum. Immer mehr glaubt der Feldherr an den angeblichen Betrug seiner Frau: Desdemona verliert ihre Unschuld. Nicht durch ihre Taten, sondern durch Täuschung. Im Intriganten Jago sieht Othello einen loyalen Freund, im treuen Leutnant Cassio den Betrüger und in der ihn liebenden Desdemona eine Hure. Je mehr die große beidseitige Liebe, die dem schwarzen Kriegshelden in einer Gesellschaft voll subtiler oder offener Vorurteile Halt gab, ihre Unbedingtheit verliert, um so mehr verstrickt sich Othello in einen Wahn. Muss er darin schuldig werden? Zaimoğlu und Senkel finden eine eigene Sprache, um den Hass, den Rassismus und die Liebe in Shakespeares Text spürbar zu machen.  

Drei Fragen an den Regisseur Gustav Rueb und den Schauspieler Ernest Allan Hausmann

Othello wäre die einzige Tragödie in Shakespeares Werk, die einen beinah zeitgenössischen Stoff behandele, schrieb Shakespeare-Experte Balz Engler. Was interessiert Dich daran besonders, Gustav?

Das Verhältnis von Männern und Frauen. Die vielen schrecklichen Clichés, die sich über die Jahrhunderte in dieses Stück eingeschrieben haben. Dann interessiert mich die Verrohung der Sprache, die wir vor allem im Internet beobachten und die sich bei Shakespeare in den Figuren eingenistet hat. Das Problem des Rassismus, das alle Charaktere in diesem Stück haben, egal wie gut sie sind, ist ebenfalls sehr heutig. Dazu kommt die Frage, was ausgeprägte (Männer-)Hierarchien mit dem gesellschaftlichen Klima machen.

Wir arbeiten mit der deutschen Übersetzung von Zaimoğlu / Senkel. Warum ist diese Bearbeitung ein Ausgangspunkt für Deine Inszenierung? 

Weil das Stück von Shakespeare in der sehr direkten Übersetzung von Zaimoğlu / Senkel alles Ferne und Märchenhafte verloren hat. Es erzählt von Figuren, die heute leben könnten. Diese Fassung ermöglicht es nicht, die Geschichte als etwas Fernes, Vergangenes abzutun. Man muss sich die Frage stellen, was der Rassismus und die Unfreiheit der Figuren mit uns zu tun haben. Die Frauen erscheinen in dieser Übersetzung zudem nicht als Opfer, sondern als Menschen aus Fleisch und Blut, mit all ihren Widersprüchen.

Ernest, Du hast erzählt, Du musstest und musst unzählige rassistische Erfahrungen machen. Wie begegnest Du Rassismus im Alltag? Und wie kann man sich ihm auf der Bühne nähern?

So lange er nicht physisch ist, habe ich meist eine einfache Antwort auf Rassismus: Ich ignoriere ihn, wenn er mich selbst betrifft. Oder ich weise darauf hin, was ich in den meisten Fällen sehr anstrengend finde. Im Theater kann ich zeigen, wie Rassismus funktioniert, ohne den Vorgang als solches zu bewerten. Eine viel größere Treibkraft im „Othello“ ist für mich ohnehin die Eifersucht, die zum Teil mit den gleichen Mitteln vorangetrieben wird, die im Rassismus angewandt werden. Motive sind oft Rachsucht und Minderwertigkeitskomplexe. Aber auch schlicht der Spaß Menschen zu manipulieren. Es gibt heute viele Gruppierungen, deren geistige Haltung es ebenfalls ist, aufzuwiegeln und anzustacheln wie Othellos Gegenspieler Jago. Man kann eine Gruppe von Menschen sehr plump deformieren oder etwas schlauer in die Ecke treiben. Die Mittel sind anders, der Zweck ist der gleiche. – Ich denke, Rassismus ist in erster Linie ein System um Menschen zu unterdrücken. Das geschieht erst sprachlich und lässt sich dann eben nur physisch durchsetzen. Daher ist das Drama von Shakespeare, in seiner genauen Analyse menschlicher Abgründe, unübertroffen.