Westfalium

Struwwelpeter in Detmold schreit nach mehr

24. Januar 2026 by Redaktion (B.B.)

Detmold – Als Shockheaded Peter erlebt der historische Struwwelpeter eine schräg-amüsante Wiederbelebung am Detmolder Landestheater. Es ist zugleich die Premieren-Inszenierung des neuen Schauspieldirektors Gustav Rueb (50). Dieser Einstand schreit nach mehr.

Zappelphilipp, Suppenkaspar, Struwwelpeter, Hans-Guck-in-die-Luft, Konrad, der Daumenlutscher, die Pyromanin Paulinchen, der böse Friederich & Co. – die Geschichten von den unartigen Kindern, die ein böses Ende nehmen, sind so legendär wie umstritten. Seit ihrer Erstveröffentlichung durch den Frankfurter Mediziner und Lyriker Heinrich Hoffmann im Jahr 1845 haben die Erzählungen, die den Mädchen und Buben Moral und anständiges Benehmen einbläuen sollten, nichts von ihrer gruseligen Faszination verloren.

Wunderbar anarchische Junk-Oper

Die britische Kultband The Tiger Lillies hat den pädagogisch fragwürdigen Stoff zusammen mit den Autoren Julian Crouch und Phelim McDermott 1998 zu einer wunderbar anarchischen Junk-Oper umgearbeitet. Mit viel groteskem Witz und einer musikalischen Mischung aus abgefahrenen Zirkusklängen und schräg-makabrem Sound à la Tom Waits bietet das mehrfach preisgekrönte Musical ein Mordsvergnügen für alle, die Spaß an einer gehörigen Portion schwarzen Humors haben

Vierköpfige fulminante Band

Jetzt steht das rockige Grusical bis Mai auf dem Spielplan des Detmolder Landestheaters. In lockeren 75 Minuten ohne Pause erlebt das Publikum einen ebenso rasanten wie kurzweiligen Abend mit schrillen Bildern, anarchischer Musik und einem wahnsinnig hinreißend agierenden Ensemble und einer vierköpfigen fulminanten Band, vom Keyboard aus geleitet von Pianist Matthias Flake (55). Was die Detmolder Inszenierung vor allem auszeichnet ist ihre musikalische Transparenz und die grandios grotesk inszenierten Bilder mit farbiger Wuchte und spielerischem Drive. Mit seiner comichaften Bildsprache setzt Regisseur Rueb einen neuen Impuls am Landestheater.

Originalliteratur, die keinen Re-Import nötig hat

Die britische Band „The Tiger Lillies“ landete 1998 einen theatralen Welthit mit ihrer Shockheaded-Peter-Show. Nicht nur im Londoner West Ende und am Broadway in New York feierte die Struwwelpeter-Adaption große Erfolge. Seit der deutschsprachigen Erstaufführung am Hamburger Schauspielhaus im Jahr 2000 ist dieses schräge Bühnenwerk auch von deutschen Spielplänen nicht mehr wegzudenken. Und doch fühlt es sich nicht richtig an, die Struwwelpeter-Balladen in ihrer Heimat in englischer Übersetzung aufzuführen. Es ist doch ureigene deutschsprachige Originalliteratur, die keinen Reimport nötig hat, zumal sie sich auf einem nochmal höheren Niveau bewegt. Klar, im Shockheaded Peter sind die Texte gesanglich immer auf eine gute Hookline zugespitzt. “Anything to me is sweeter / Than Shockheaded Peter” singt sich ein bisschen leichter als “Sieh einmal, hier steht er,/ Pfui, der Struwwelpeter.”

Sammlung archetypischer Charaktere

Aber die Unterschiede sind so groß und nicht. Es hat ja auch seinen Grund, warum der Struwwelpeter aller reformpädagogischer Kritik zum Trotz nichts von seiner Popularität eingebüßt hat. Der Struwwelpeter ist ja auch kein Erziehungsratgeber, sondern eine in Leichter Sprache verfasste Sammlung archetypischer Charaktere der Jugendpsychiatrie. Die Verhaltensauffälligkeiten ADS (Hans-guck-in-die-Luft) und ADHS (Zappelphilipp) haben ihre Namen dank der exakten Beschreibungen Hoffmanns erhalten. Die Musik der Tiger Lillies wiegt weniger schwer als die Bedeutung der Hoffmannschen Originaltexte. In London und New York mag es der Shockheaded Peter bleiben, im Mutterland seiner Erfindung, sollte es wieder der Struwwelpeter sein.