Applaus trotz Schwächen
Die Premiere von Georg Büchners bittersüßer Komödie „Leonce und Lena" zeigt in der aktualisierten Fassung Unstimmigkeiten. Das Publikum ist dennoch begeistert.
Andreas Duderstedt
Detmold. Georg Büchners sarkastische Komödie „Leonce und Lena" ist unter der Regie von Gustav Rueb zu einer Art Musical geworden. Am Sonntag war Premiere im Hoftheater. Dazu wurde der Innenhof des Landestheaters zu einem bunten,
von allen Seiten bespielten Ort mit viel Musik.
Das Stück von 1836 ist eine bittere Satire auf den menschen-verachtenden, Feudalismus
stumpfsinnigen der deutschen Kleinstaaten in der Zeit des Vor-märz. Der Spott über sinnentleerte Hofzeremonien und lächerliche Miniaturstaaten ist bei Büchner unbändig komisch. Es ist eine gallenbittere Komik:
Zwei Jahre vorher hatte der junge Autor unter dem Titel „Der hessische Landbote" ein zornigesnpolitisches Manifest geschrieben, in dem er sprachgewaltig, mit großer Klarheit und genauen Informationen die himmelschreienden Verhaltnisse im Großherzogtum Hessen anprangerte - eine kleine Clique von adligen Müßiggängern und ihren Schergen saugt die Mehrheit der Rechtlosen schamlos aus. Büchner musste fliehen und starb mit 23 Jahren im Exil.
Für die beiden Königskinder Leonceund Lena ist der harte Alltag der arbeitenden
Bevölkerung unendlich weit weg. Unendliche Langeweile beherrscht besonders das Leben des Prinzen Leonce vom Königreich Popo, der im Sinnlosen nur öde Zerstreuung findet. Es versteht sich, dass er überhaupt keine Lust hat, aus dynastischen Gründen
Prinzessin Lena vom Königreich Pipi zu heiraten. Er flieht vor der arrangierten Ehe nach Italien, Lena tut desgleichen. Sie begegnen sich, ohne ihre Identität zu kennen - und verlieben sich. Die Hochzeit kommt am Ende tatsächlich zustande, aber etwas anders als geplant.
Die Geschichte haben Regisseur Gustav Rueb und seine Dramaturgin Magdalena Brück ak-tualisiert: Aus den Königreichen Popo und Pipi werden die Popo GmbH und die
Pipi GmbH, aus dem debilen König Peter von Popo wird ein nicht weniger vertrottelter Firmenchef namens Papa Popo. Leonce und Lena, die gelangweilten Kinder reicher Leute, fliehen nach Italien und treffen sich zufällig dort.
Doch das Gegenwartsgewand dieser Inszenierung hat Mängel, die Aktualisierung lässt sich nicht recht durchhalten und führt zu Unstimmigkeiten. Zwei Beispiele: Warum sind Leonce und seine Gefährtin Valeria auf dem Weg nach Italien an einem halben Tag durch ein halbes Dutzend Großherzogtümer und durch ein paar Königreiche gelaufen? Der Witz über die deutsche Kleinstaaterei passt hier nicht mehr. Warum pflegt Papa Popo Königliche Attitüden? Schwer vorstellbar, dass heute ein
Industrieboss seine Mitarbeitenden zur Hochzeit seines Sohnes „Vivat" rufen lässt.
Doch wie dem auch sei: Das Premierenpublikum erlebte einen fulminanten Abend mit glänzenden schauspielerischen Leistungen und Live-Musik. Allen voran Elias Nagel als Leonce mit melancholischer Langeweile und Rich-Kid-Gehabe.
Aus dem Diener Valerio bei Büchner ist mit Manuela Stüßer eine agile, witzige und wandlungsfähige Valeria geworden.
Leonard Lange als unterhaltsam und hochnäsig-dämlicher Papa Popo; Stella Hanheide als anfangs verträumte, später entschlossen liebende Lena; Ewa Noack zunächst als verliebtes Tanzmädchen Rosetta, später in Sammelrollen unter anderem als Diener und Zeremonienmeis-ter; Finn Nachfolger als Gouvernante.
Allesamt musikalisch mitreißend: Sie beherrschen Gesang und die verschiedensten Instrumente von Ukulele bis Schlagzeug. Der Pop-Musiker Paul Sies hat Büchner-Texte vertont, aber auch Kult-Titel von Tokio Hotel, Nirvana oder Roy Bianco einstudiert. Das Ganze kam mit den knallbunten, raffinierten Kostümen und ebensolchen Bühnen-elementen von Milena Keller in allen Ecken des Theaterhofs sehr gut an. Das Premierenpublikum freute sich über die Wiederholung des Ohrwurms Bella Napoli.
